VERKEHRSFREUNDE STUTTGART E.V.
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23.09.2017 – Abellio, das neue Eisenbahnverkehrsunternehmen in Baden-Württemberg

                      Vortrag von Dr. Andreas Moschinski, Vorsitzender der Geschäftsleitung

 

Rückblick von Dr. Peter Hartmann

 

Zwischen Juni 2019 und Juni 2020 wird der Betrieb des Regionalbahnnetzes nördlich, südlich und westlich von Stuttgart in drei Stufen von der DB AG auf die Abellio Rail Baden-Württemberg GmbH übergehen. Das ist das Ergebnis des seinerzeitigen Ausschreibungsverfahrens, das sowohl unter den hier tätigen DB-Mitarbeitern wie den Bahnnutzern und nicht zuletzt den Verkehrsfreunden zu einiger Verwirrung, Skepsis und Sorge geführt hat.

Die Abellio ist zwar auch in Deutschland mittlerweile ein etabliertes und anerkanntes Verkehrsunternehmen, im Südwesten aber außerhalb eingeweihter Kreise eher ein „unbeschriebenes Blatt“. Manch einer mag auch mit Unbehagen dem Systemwechsel in gut zwei Jahren entgegensehen und sich fragen: Wird das reibungslos klappen? Wer sind die Verantwortlichen? Wie sieht das Betriebskonzept des neuen Betreibers aus? Mehr noch: Der derzeitige Schwebezustand bei der DB Regio Baden-Württemberg hat bereits zur Abwanderung verunsicherter Mitarbeiter (Lokführer und Zugbegleiter) geführt, so dass Zugausfälle nicht unüblich geworden sind. Man stellt sich natürlich auch die Frage, wie der neue Betreiber mit der Herausforderung der Personalrekrutierung und angemessener Entlohnung angesichts einer hierzulande nahezu erreichten Vollbeschäftigung umzugehen gedenkt.

In dieser Situation wollte der Vorstand der Verkehrsfreunde Stuttgart einen Blick in die Zukunft tun und versuchen, etwas mehr über die Vorstellungen und Pläne des im Aufbau begriffenen neuen Verkehrsunternehmens Abellio Rail Baden-Württemberg GmbH zu erfahren. Wir meinten, dass das für unsere Mitglieder ein aktuelles und interessantes Thema wäre und haben zu unserer Freude durch Vermittlung unseres Ehrenmitgliedes Gerhard Schnaitmann den Geschäftsleitungs-Vorsitzenden, Herrn Dr. Andreas Moschinski, für einen Vortrag über sein Unternehmen und dessen „Geschäftsmodell“ im Saal der AV Alania gewinnen können.

Herr Moschinski hatte seine Ausführungen in fünf Teile gegliedert, deren Inhalt durch projizierte Folien visualisiert wurde. 1. Wer ist Abellio; 2. Abellio Rail Baden-Württemberg; 3. Fahrzeuge für Baden-Württemberg; 4. Werkstatt Pforzheim; 5. Abellio als Arbeitgeber. Für den Verfasser des Rückblicks war aber das eigentlich Besondere und Spannende an diesem Nachmittag nicht so sehr das rein Faktische, das in Teilen ja auch schon bekannt war, sondern das Persönliche und Atmosphärische, sozusagen das, was „zwischen den Zeilen“ vermittelt wurde. Den anderen Teilnehmern dürfte es ähnlich gegangen sein.

Der Referent löste sich immer wieder vom Text, beleuchtete Hintergründe und ging auf die zahlreichen, auch kritischen Fragen aus dem Auditorium offen und mit Verständnis ein. Man gewann den Eindruck, dass die Unternehmensleitung sich der Probleme auf dem neuen Geschäftsfeld bewusst ist und dass sie diese umsichtig und systematisch angeht. Er betonte auch, dass er sein persönliches Verhältnis zu DB Regio Baden-Württemberg, wo er bekanntlich zuvor als Geschäftsführer tätig war, und zu seinen ehemaligen Kollegen als positiv, wenn vielleicht auch nicht als unkompliziert sieht.

So wird man voraussichtlich auch nach dem Betriebsübergang gewisse Einrichtungen von DB Netz, wie Abstell- und Waschanlagen weiter nutzen, um unnötige Doppelstrukturen oder Investitionen zu vermeiden. Mit den anwesenden Verkehrsfreunden war er einig, dass die Gestaltung eines reibungslosen Übergangs 2019/2020 und die Einführungsphase mit neuen Fahrzeugen und neuem Personal eine anspruchsvolle Aufgabe mit manchen Unbekannten darstellt. Seinen Worten nach will man den Kunden, also den Fahrgästen, einen verlässlichen und komfortablen, modernen Service bieten, um möglichst weitere Kreise vom Vorteil des ÖPNV zu überzeugen. Eine gewisse Unsicherheit scheint aber hinsichtlich der Beförderungskapazität der neuen Triebwagen, verglichen mit den derzeitigen und vielleicht auch in Zukunft denkbaren Doppelstock-Zügen oder -Triebwagen zu bestehen. Aber diese Grundsatzentscheidung ist zunächst einmal gefallen, und ob man bei Bedarf angesichts limitierter Bahnsteiglängen und Fahrplantrassen die von ihm erwähnten Taktverdichtungen realisieren kann, scheint zumindest zweifelhaft.

Es ist an dieser Stelle unmöglich, alle Details des Vortrags zu erwähnen. Ich möchte nur einige, mir wichtig und wesentlich erscheinende Punkte hervorheben:

1. Wer ist Abellio?

Unter dem Abellio-Dach sind die Auslandsgesellschaften der staatlichen Niederländischen Eisenbahnen (Nederlandse Spoorwegen / NS) zusammengefasst. Derzeit gibt es 4 britische Gesellschaften (u.a. den Londoner Stadtbusbetrieb) und 3 deutsche (NRW, Mitteldeutschland und Baden-Württemberg). Bemerkenswert ist, dass Abellio mit über 20.000 Beschäftigten und 1,1 Mio. Fahrgästen pro Tag praktisch gleich groß ist wie die Muttergesellschaft. Sie verfügt über 2200 Züge und 1500 Busse. Vermutlich sind die künftigen Leistungen und Fahrzeuge von Abellio Rail Baden-Württemberg darin noch nicht enthalten. Im positiven Image der NS und in deren staatlichem Eigentümer sieht Herr Moschinski einen bedeutenden Bonitätsfaktor für den Geschäftsbetrieb seines Unternehmens.

2. Abellio Rail Baden-Württemberg

Der derzeitige Verwaltungssitz von Abellio Rail Baden-Württember befindet sich in der Stuttgarter Theodor-Heuss-Straße. Wegen der zunehmenden Zahl der Beschäftigten ist für November 2017 ein Umzug in die Presselstraße am Nordbahnhof geplant.

Gestaffelt zwischen Juni 2019 und Juni 2020 wird Abellio in Baden-Württemberg das etwas ungenau mit „Neckartal“ bezeichnete Netz-Los mit den Ästen Stuttgart – Mühlacker – Pforzheim/Bruchsal, Stuttgart – Heilbronn – Mannheim/Osterburken und Stuttgart – Tübingen bedienen. Dieses umfasst 6,8 Mio. Zugkilometer pro Jahr. Hinsichtlich des endgültigen Betriebskonzepts (Fahrplan, Sitzplatzkapazität, Stärken bzw. Schwächen von Zügen) gibt es derzeit offenbar noch Verhandlungen mit dem Land. Grundsätzlich basiert es aber nach Aussage des Referenten auf Durchmesserlinien, und man möchte Kupplungsvorgänge und Rangierbewegungen im – derzeit ohnehin komplizierten – Knoten Stuttgart nach Möglichkeit vermeiden (Lebhafte Zustimmung im Auditorium).

Nachfragen von Teilnehmern und Erläuterungen von Roland Braun brachten an dieser Stelle die Frage der Behandlung seinerzeit direkt (ohne Ausschreibung) vergebener Linien, insbesondere im Karlsruher Modell, zur Sprache. Die „salomonische Lösung“ soll hier so aussehen, dass die Zweisystem-Verkehre (sowohl BOStrab wie EBO) bei der AVG bleiben können, die reinen „Eisenbahn“-Linien aber ausgeschrieben werden müssen (z.B. Eilzüge Heilbronn Hbf – Karlsruhe Hbf). Abellio wird sich wohl auch um diese Ausschreibungen bemühen.

3. Fahrzeuge für Baden-Württemberg

Abellio wird für den in der Ausschreibung gewonnene Verkehr 48 neue drei- und fünfteilige elektrische Triebwagenzüge vom Typ Bombardier Talent 2 im neuen Landesdesign mit einer Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h einsetzen, die von anderen EVU bereits bekannt sind und den heute üblichen Anforderungen (Klimatisierung, Barrierefreiheit, WLAN, Fahrgastinformation, Mehrzweckbereiche etc.) entsprechen.

Der Referent erklärte, man arbeite an einem automatisierten Verfahren der Fahrgastinformation, das auch im Störungsfall gut funktioniert. Die Fahrzeuge werden vom Land gekauft und an Abellio vermietet, so dass ökonomisch die Hauptleistung von Abellio im Personaleinsatz, in der Fahrzeugunterhaltung und im dispositiven Bereich liegt. Die ersten Vorserienfahrzeuge sind bei Bombardier Hennigsdorf in der Montage, eine erste betriebliche Testfahrt ist erfolgt. Herr Moschinski räumte ein, dass die bisherigen Erfahrungen mit Bombardier nicht durchweg erfreulich waren (siehe etwa die ET 430!). Der Hersteller war aber offenbar durch das Land vorgegeben. Man sei sich des Problems bewusst und wolle mit der Baubegleitung durch externe Sachverständige die Qualität sicherstellen.

4. Werkstatt Pforzheim

Pforzheim wird der „operative Kern“ des Netzes „Neckartal“. Auf einem 21 Hektar großen, von der AVG gepachteten Grundstück auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs wird für 16 Mio. € eine neue dreigleisige Betriebswerksatt zur Qualitätssicherung des SPNV (so der Wortlaut der entsprechenden Folie) gebaut, in der im Endausbau 50 Personen mit langfristiger Perspektive beschäftigt sein werden. Die Halle soll 120 m lang und 30 m breit werden (Länge eines fünfteiligen Triebwagens 88,4 m). Herr Moschinski zeigte sich zufrieden, dass die Stadt das Vorhaben – nicht zuletzt unter Arbeitsplatz-Aspekten – „wohlwollend“ begleitet und hofft, dass Verzögerungen, z.B. durch ökologischen Alarmismus, gering gehalten werden.

5. Abellio als Arbeitgeber

Den Punkt Personalmanagement formuliert auch die Abellio-Folie als „eine der anspruchsvollsten Aufgaben“. Man möchte das noch zuspitzen und sagen: Damit steht und fällt das reibungslose Funktionieren des zukünftigen Verkehrsangebots, und so nahm die Frage der Personalbeschaffung in quantitativer, zeitlicher und qualitativer Hinsicht recht breiten Raum in der Diskussion mit dem Referenten ein. Aus der Sicht des Verfassers dieser Zeilen ist dies der Abellio Baden-Württemberg bewusst, zumal die Vollbeschäftigungs-Situation im Land und speziell im Mittleren Neckarraum deutlich thematisiert wurde. Man verfolgt die Strategie, einerseits selbst auszubilden, andererseits, wenn möglich, vorhandene Personale zu übernehmen. Die genannte Personalübernahmevereinbarung mit dem „Altbetreiber“ ist aber wohl noch nicht unter Dach und Fach. Natürlich stand die Frage im Raum, warum es trotz dieses vorgesehenen Angebots zu der beklagten Abwanderung von DB-Regio-Zugpersonal kommt. Herr Moschinski deutete an, dass die Information der Betroffenen aus seiner Sicht nicht ausreichend ist und wollte ein entsprechendes Taktieren der DB Regio dabei nicht ausschließen. Er räumte ein, dass auch aus Unternehmenssicht das derzeitige Entgeltniveau speziell für Triebfahrzeugführer unzureichend ist, denn im Vergleich zu anderen Jobs gäbe es eine Reihe belastender Faktoren, wie Schicht- und Feiertagsarbeit und hohe Verantwortung. Erfreulich war zu hören, dass alle Züge mit Zugbegleitern besetzt sein sollen. Bekanntlich ist deren Arbeitsumfeld angesichts zunehmender Sittenverwilderung bei den Fahrgästen auch nicht einfach.

An den gut einstündigen Vortrag, bei dem auch bereits Zwischenfragen der Teilnehmer zur Sprache kamen, schloss sich noch eine ausführliche Fragerunde an. Herr Moschinski nahm offen und recht direkt dazu Stellung, so dass die 70 Teilnehmer sowohl ihre Sicht einbringen wie auch ihr Informationsbedürfnis befriedigen konnten. Zusätzliche Sympathien erntete der Referent sicher auch durch die unprätentiöse und humorvolle Darstellung seines beruflichen Lebenslaufs, der ihn vom gehobenen kommunalen Dienst über das Bürgermeisteramt in Bad Homburg vor der Höhe zu DB Regio und nunmehr zu Abellio Rail Baden-Württemberg führte.

Der Vorsitzende der Verkehrsfreunde dankte ihm zum Ende der Veranstaltung herzlich für die Informationen, die er uns souverän und rhetorisch ansprechend vermittelt hat und dafür, dass er uns am Wochenende einen nicht unbeträchtlichen Teil seiner knapp bemessenen Freizeit geopfert hat. Er wünschte der Abellio die erfolgreiche Bewältigung der skizzierten anspruchsvollen Aufgaben – und uns allen als ÖPNV-Fahrgästen ein gut funktionierendes und attraktives zukünftiges Zugangebot im „Neckartal“ unter neuer Regie!

 

 

Verkehrsfreunde Stuttgart e.V.

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