VERKEHRSFREUNDE STUTTGART E.V.
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Samstag, 22.10.2016: Bereisung Hafen Heilbronn –   Organisation und Reiseleitung: Gerhard Schnaitmann

Rückblick von Peter Hartmann

Innerhalb eines Jahres erhielten die Verkehrsfreunde Stuttgart durch den unermüdlichen und begeisterten Einsatz ihres Ehrenmitglieds Gerhard Schnaitmann (und dessen exzellente Kontakte zu vielen Bahnverantwortlichen!) die Gelegenheit, zwei bedeutende Anlagen des Schienengüterverkehrs im Mittleren Neckarraum zu bereisen und zu besichtigen: Am 26. September 2015 war es der Hafen Stuttgart mit seinen Bahnanlagen, am 22. Oktober 2016 nun der Hafen Heilbronn. Sehr ähnlich schienen beide Ziele und Veranstaltungen also zu sein. Sie waren es aber doch nicht. Erstens hatte unser „GS“ in die diesjährige Veranstaltung noch eine Besichtigung des im Werden begriffenen Geländes der Heilbronner Bundesgartenschau 2019 eingefügt; vor allem aber hatte die Rundfahrt auf den Heilbronner Hafenbahngleisen noch einen, in der Ausschreibung eher versteckten zweiten Teil, der die Teilnehmer nach meinem Gefühl mindestens so fasziniert hat wie die eigentliche Hafenbahn: die sogenannte Industriebahn. Warum das so war, soll am Schluss dieses Rückblicks gezeigt werden.

 

 

Die Heilbronner Exkursion war das Ergebnis einer kreativen und – das bestätigt unser Organisator – aufwendigen, teilweise heiklen Planung. Zunächst einmal mussten geeignete und bezahlbare Fahrzeuge gefunden werden. Die dreiteilige Schienenbusgarnitur „Roter Flitzer“ aus Kornwestheim war die brillante Lösung dieses Problems, denn sie und das Team aus Triebfahrzeugführer und Zugbegleitern brachte uns nicht nur sicher an alle Besichtigungsziele. Vielmehr halfen die engagierten Ehrenamtlichen auch beim Ein- und Aussteigen unter Zuhilfenahme solcher Schemel, wie man sie seit alters her von den amerikanischen Eisenbahnen kennt, und versorgen uns mit Getränken. Die aus ÖBB-Beständen stammenden drei Fahrzeuge, zwei VT und ein VS, machten zudem den Eindruck, als seien sie gerade aus der Uerdinger, Pardon: aus der Grazer Fabrikhalle gekommen. Unser Kompliment für die Leistung der „Roten Flitzer“, die die Schienenbusse natürlich mit dem traditionellen Triebwagen-Rot der Deutschen Bundesbahn lackiert haben. Kleine Abweichungen, wie Übersetzfester und Scheibenwischer zeigten dem Experten gleichwohl die Provenienz aus unserem südlichen Nachbarland.

Gerhard Schnaitmann hatte sich zudem in den Kopf gesetzt, die 75 Teilnehmer (tolles Ergebnis!) im Stuttgarter Hauptbahnhof abzuholen. Dass es wirklich geklappt hat, die entsprechende Fahrplantrasse von DB Netz zu bekommen und die Einheit trotz Sperrung der S-Bahngleise in Stuttgart-Feuerbach im samstäglichen Morgenverkehr auf die Minute pünktlich zu den weiteren Einstiegsbahnhöfen Kornwestheim, Ludwigsburg und Bietigheim und dann nonstop nach Heilbronn Hbf zu bringen, konnte er später selbst offenbar nicht ganz glauben.

Auf dem Bahnsteig in Heilbronn Hbf gab es nach unserer Ankunft um 9.12 Uhr erst einmal ein „Zweites Frühstück“ mit Kaffee, Tee, Brötchen, Brezeln und Kuchen. Dann begann gegen 9.30 Uhr unsere erste Fahrt auf dem Hafengelände. Da die Zufahrt zu den Hafenbahnanlagen von Südwesten her erfolgt, musste unser Zug in Heilbronn Hbf zum ersten Mal die Fahrtrichtung wechseln. Insgesamt waren, wenn ich richtig gezählt habe, elf derartige Wechsel nötig, um angesichts vieler Stumpfgleise und verzwickter Gleisführungen das geplante Fahrtprogramm abzuwickeln. Da erwies sich die VT-VS-Komposition unseres Zuges als höchst zweckmäßig. Bei der Einfahrt in das eigentliche Hafengelände, gab uns unser lokaler „Lotse“, der Leiter der Industrie und Hafenbahn, Herr Uwe Kunath, Erläuterungen zum Gegenstand der Besichtigung, von denen hier einige wiedergegeben seien:

Der Hafen Heilbronn nimmt mit derzeit 2,8 Mio t Schiffsumschlag Rang 13 der deutschen Binnenhäfen ein (die Zahl für Stuttgart wurde uns 2015 mit 2,3 Mio t angegeben, dort sind aber auch zig Tonnen Erdaushub für Stuttgart 21 enthalten). Während für das Grundstücksmanagement und den Uferumschlag die Stadt Heilbronn zuständig ist, wird dessen Schieneninfrastruktur von der Industrie- und Hafenbahn (IHB), einer Tochtergesellschaft (seit 01/2014) der Heilbronner Stadtwerke verantwortet. Das Schienennetz steht allen Eisenbahnverkehrsunternehmen offen; de facto fahren dort derzeit nur DB Cargo und die NIAG (Niederrheinische Verkehrs AG, Moers). Ohne in weitere Einzelheiten einzutreten, kann oder muss man sagen, dass der eigentliche Schiff-Bahn-Umschlag mittlerweile recht unbedeutend ist.

Die heutige Existenzgrundlage der Hafenbahn sind Kohletransporte zum EnBW-Kraftwerk am nördlichen Ende des Hafengeländes und Versendungen der Südwestdeutschen Salzwerke, deren Fördertürme während unserer Rundfahrt zu erkennen waren. Den Kohleverkehr teilt sich die Bahn mit dem Binnenschiff, wobei sie die witterungsunabhängigere Alternative darstellt. Leicht kann man sich vorstellen, was die von der deutschen Politik derzeit favorisierte Abkehr von den fossilen Energiequellen auch für die Heilbronner Hafenbahn bedeuten würde. Von den fünf Kraftwerksblöcken befinden sich derzeit 2 in sogenannter Kaltreserve, die arbeitenden Anlagen haben eine Leistung von 1.000 MW. Die Industriebahn nördlich des Heilbronner Hauptbahnhofs ist mit der Hafenbahn nur über ein Gleis verbunden; sie hat aber an der Übergabegruppe Kleinäulein (etwa an der Verzweigung der Friedrichshaller und Crailsheimer Strecken) einen direkteren Anschluss an das DB-Netz. Leider waren offenbar die großen Investitionen in die Industriebahn im Zuge des Stadtbahnausbaus nutzlose Ausgaben, denn während auf der 17 km langen Hafenbahn 2015 25.660 Waggons bewegt wurden, waren es auf der 6 km langen Industriebahn ganze 28 (!!). Die lange Sperrung der letzteren während des Stadtbahnbaus hat offenbar zur fast vollständigen Abwanderung der Anschließer zum Straßentransport geführt.

Der erste Fahrtabschnitt, der mit mehreren Fotohalten rund eine Stunde dauerte, führte uns etwa 4 km weit in nördlicher Richtung durch die fünfgleisige Übergabegruppe über das Stammgleis 1 und die bügelförmige neue Neckarbrücke bis auf das Stammgleis Neckar 3, das parallel zum Osthafen-Becken verläuft. Zwei von Planen verdeckte MAN-Großmotoren zogen unsere Aufmerksamkeit auf sich. Einige hundert Meter westlich ragten die beiden Kamine und der Kühlturm des EnBW-Steinkohle-Kraftwerks in den grauen Himmel. Leider war das Hafenbecken fast leer, wie wir auch sonst während unserer Sonderfahrt nicht kein weiteres Binnenschiff zu Gesicht bekamen, was möglicherweise eine Folge des Wochenendes war.

Nach der Rückkehr an unseren Ausgangspunkt neben dem kleinen Gebäude der Hafenbahnverwaltung und einer kurzen Pause für persönliche Bedürfnisse, begann eine einstündige Führung durch Teile des Geländes, das 2019 die Bundesgartenschau aufnehmen soll. Im Gefolge zweier kundiger Damen und eines Herrn der BUGA GmbH bewegten sich drei Gruppen über zwangsläufig schlammige Wege, an einer Stelle auch über eine schwankende Planke, vorbei an ersten Anpflanzungen und dem noch trockenen zukünftigen „Freizeitsee“ hinauf auf den hohen Damm, der das BUGA-Hauptgelände von den Hafenanlagen trennt. Von dort hat man einen guten Überblick über das nicht allzu große Gelände, und es wurde uns anhand von Plänen und Animationsbildern erklärt, wie alles in den nächsten 2 ½ Jahren werden soll. Dann wird eine Fußgängerbrücke über die Bahngleise den Bahnhofsvorplatz mit der Gartenschau verbinden. Die ehemalige Stückguthalle wird Ausstellungen und Veranstaltungen aufnehmen. Auch soll die heutige verkehrsreiche Straße am Nordrand des Geländes einen weiter nördlichen Verlauf erhalten. Zur Gartenschau werden auch Flächen außerhalb des zentralen Geländes gehören: So plant man eine Grünzone entlang des Neckar-Ostufers und die Umgestaltung bereits bestehender kleinerer Parkflächen jenseits der Hauptbahn, insbesondere auf der Neckarinsel.

Nach diesem Freiluft-Programmteil bei recht kühlem und feuchtem Wetter waren den Fahrtteilnehmern sowohl das von Jörg Schnaitmann und seinen Helfern ausgegebene Mittagessen wie auch unsere erwärmte Schienenbus-Garnitur sehr willkommen.

Um 13 Uhr starteten wir zum zweiten Teil unserer Fahrt zunächst wieder auf Hafenbahngleisen, gelangten schließlich aber auch auf die Industriebahn. Es war, wie schon angedeutet, eine richtige Sägezahn-Fahrt: zunächst am Neckarkanal mit seinen Krananlagen entlang und wieder zum Ausgangspunkt zurück. Hier finden zur Zeit Gleisbauarbeiten statt, so dass die eigentlich mögliche Abkürzung in das bereits bekannte Stammgleis nicht möglich war. Das gesamte Areal hinter der Kaistraße ist mit Lagerhallen und Betriebsanlagen bebaut, wie das Hafengelände überhaupt mehr den Eindruck eines Industriegebiets als einer Verkehrsanlage macht: Der Laie vermag den jeweiligen Zweck nicht ohne weiteres zu erkennen.

Erneut überquerten wir den Neckar und konnten nach erneutem Fahrtrichtungswechsel unseren Schienenbus auf der eleganten Brücke fotografieren. Die parallele Straßenbrücke machte die Situation noch fotogener. Unter Umgehung der Salzwerke und mit Kopfmachen im Hafenbahn Stammgleis Neckar 2 arbeitete sich unsere Schienenbus-Garnitur auf das Industriebahn-Stammgleis 1 vor, wo nochmals die Fahrtrichtung zu wechseln war. Dann ging es auf der Salzstraße durch vielfältiges Industriegelände vorbei am Traditionsunternehmen Brüggemann Alcohol (gegr. 1868 in Heilbronn) östlich auf den Gleisen der Industriebahn zunächst zum Industrieplatz. Dort wartete ein letzter Höhepunkt auf uns.

Wie wir bereits bei der Befahrung der neueröffneten Stadtbahnstrecke nach Neckarsulm im Oktober 2014 beobachten konnten, benutzt diese nach Unterquerung der DB-Hauptstrecke abschnittsweise die Gleise der Industriebahn mit. Nördlich des Industrieplatzes war es dabei notwendig, ein Vierschienengleis zu verlegen, das den Güterwagen auf dem Weg von und zu den bestehenden Anschlussgleisen das reibungslose Passieren der Stadtbahn-Hochbahnsteige erlaubt. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere auch an die ähnliche Situation bei der gemeinsamen Strecke der Kasseler Straßenbahn und der Kassel-Naumburger Eisenbahn in Baunatal Mitte im vorigen Jahr. Es war nun ein Herzenswunsch unseres ortskundigen Roland Braun, diesen Teilabschnitt der Industriebahn auf unserer Exkursion zu befahren. Was kaum für möglich gehalten wurde: dies gelang tatsächlich. Zunächst musste unsere Schienenbusgarnitur einen langen Halt vor dem Kreisverkehr des Industrieplatzes mit seinen Ampeln und dichtem Autoverkehr einlegen, um mehreren Stadtbahnzügen eine von Autostaus unbehinderte Durchfahrt zu sichern. Aber dann wurde mit einem Schlüssel die Ampelschaltung beeinflusst und es ging tatsächlich los: Erst ein Stück stadteinwärts, dann nach Kopfmachen erneut über den Industrieplatz, jetzt aber auf dem Vierschienengleis und von der Mittellage quer über die stadtauswärts führende Austraße auf das Anschlussgleis der Spedition Wüst, des letzten aktiven Schienenkunden der gesamten Industriebahn. Es erübrigt sich, die Begeisterung der Fotografen bei der Dokumentation dieser Szene zu beschreiben! Restlos zufrieden und glücklich erreichten wir nach kurzer Fahrtstrecke (z.T. unter Fahrdraht) gut im Zeitplan die Übergabegruppe und nach einem Kilometer den Heilbronner Hauptbahnhof.

Der Vorstand der Verkehrsfreunde und Gerhard Schnaitmann bedankten sich auf das herzlichste beim Leiter der Heilbronner Verkehrsbetriebe, Herrn Tilo Elser, und dem Leiter der Industrie- und Hafenbahn, Herrn Uwe Kunath, sowie den anderen Beteiligten aus Heilbronn für deren großartiges Engagement bei der Vorbereitung und Durchführung dieser einmaligen Exkursion. Herr Elser hat uns bekanntlich auch schon in der Vergangenheit sehr großzügig unterstützt, und im Gespräch kam seine persönliche Identifikation mit dem Schienenverkehr, der uns allen am Herzen liegt, zum Ausdruck. Es war eine Freude, solchen Gleichklang der Interessen bei allen Beteiligten zu erleben!

Pünktlich um 16 Uhr verließ unsere Schienenbusgarnitur Heilbronn Hbf und brachte die Fahrtteilnehmer an ihre Ausstiegsbahnhöfe zurück. Unser herzlicher Dank gilt auch dem Team des „Roten Flitzers“, das mit Flexibilität und Freundlichkeit unsere Wünsche erfüllt, uns bestens betreut und uns sicher auf allen Schienenwegen nach, in und von Heilbronn geführt hat.

Den größten Dank schulden wir aber sicher doch Gerhard Schnaitmann, der die Idee zu dieser schönen und lehrreichen Exkursion – im Sinne unserer Gemeinnützigkeit – hatte und uns einmal mehr durch deren perfekte Realisation „verwöhnt“ hat, was andererseits ohne die Zusammenarbeit mit seinem Sohn Jörg und dessen bewundernswürdigen Einsatz nicht möglich gewesen wäre. Wie wir wissen, scheidet Gerhard Schnaitmann mit Ende dieses Jahres altersbedingt aus dem Dienst bei der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg aus. Wie er selbst diplomatisch formuliert hat, werden derartige Fahrten dadurch in Zukunft „nicht einfacher“. Auch wenn wir vielleicht in Zukunft etwas bescheidener sein müssen, hoffen wir doch auf eine Fortsetzung unseres überaus attraktiven Fahrtenprogramms auf die eine oder andere Weise.

 

 

Verkehrsfreunde Stuttgart e.V.

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