VERKEHRSFREUNDE STUTTGART E.V.
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England, Wales und Isle of Man – Rückblick auf unsere Studienfahrt im Juli 2016

11.02.2017 – Teil 1: Wales von Roland Braun

11.02.2017 – Teil 2: England und lsle of Man von Rainer Vogler

Rückblick von Peter Hartmann

 

Die Ziele der großen, sich über drei Wochen erstreckenden Studienfahrt nach Großbritannien und auf die Isle of Man hat Rainer Vogler in kürzerer Form bereits im Anschluss an unsere Mitglieder-Hauptversammlung 2015 und dann noch einmal ausführlich am 16. Januar 2016 vorgestellt und mit vielen Fotos illustriert. Eine mehrseitige Besprechung dieser letzt genannten Veranstaltung findet sich im Rundschreiben 01-02/2016. Auf die überaus geglückten und erlebnisreichen Fahrtwochen vom 9. bis 31. Juli selbst haben Rainer Vogler und ich im Rundschreiben 08-09/2016 jeweils aus eigenem Erleben ebenfalls auf vier Seiten berichtet. Schließlich erwartet Sie in den kommenden Monaten auch noch der klassische, gedruckte Fahrtbericht mit ausführlichem Text und vielen Fotos der Teilnehmer.

Ich denke, dass wir deshalb an dieser Stelle die Darstellung der Inhalte der beiden Rückblick-Veranstaltungen von Roland Braun und Rainer Vogler etwas kürzer halten können. Beim Nachvollziehen beider Vorträge konnte ich diesem Vorsatz allerdings nur bedingt treu bleiben, denn es soll doch auch noch einmal etwas von der Fülle und Faszination des Gezeigten durchscheinen.

Im ersten Teil führte uns Roland Braun anhand reichen Fotomaterials von Manchester ins nordwestliche Wales: Über Llandudno, Conwy und Llanfairpwll auf der Insel Anglesey und die pittoreske Burg und Stadt Caernarfon ging es zu unserem ersten Standquartier in die Küstenstadt Porthmadog. Nacheinander folgten nun die drei Tage, die jeweils einer Region und deren Bahnen gewidmet waren: Es begann mit Llanberis und der Snowdon Mountain Railway, von der hauptsächlich Aufnahmen in Talnähe eindrucksvoll waren, da die Bergspitze durch Regen und Wolken verhüllt war. Eine reizvolle Zugabe waren hier die Llanberis Lake Railway und der Rückblick auf die Schieferindustrie im örtlichen Museum.

Der nächste, nun eher vom Wetter begünstigte, Tag war der Welsh Highland Railway gewidmet, deren landschaftliche Schönheiten besonders durch die mit dem Bus erreichten Fotostellen zu bewundern waren. Für die meisten Teilnehmer waren sicher die Garratt-Lokomotiven dieser Bahn einer der bahntechnischen Höhepunkte des gesamten Programms. Bei der Besichtigung der Werkstätten in Dinas und Boston Lodge entstanden viele Fotos, die die unglaubliche Vielfalt und den exzellenten Zustand des rollenden Materials der beiden Bahnen zeigten.

Der nächste Tag, der im Zeichen der anderen Bahn, nämlich der Ffestiniog Railway stand, wurde nicht minder faszinierend in Erinnerung gerufen: Zum einen gab es hier die legendären Fairlie-Lokomotiven zu bewundern, die für die Ffestiniog-Strecke entwickelt wurden. Zum anderen haben die Fotografen einmal mehr die nordwalisische Berglandschaft mit Wäldern, Flüssen und Seen, aber auch kahlen Schieferfelsen als Rahmen für die Bahnfotos wirken lassen.

Auf dem Weg nach Aberystwyth wurde mit der Talyllyn Railway die weltweit erste Museumsbahn besucht, deren älteste betriebsfähige Fahrzeuge aus dem Jahr 1864 stammen. Um die 3,2 km lange „Miniaturschmalspurbahn“ (so in unseren Fahrtunterlagen) „Fairbourne Railway“ nicht zu versäumen, machten wir per Bus und Bahn anschließend erst noch einmal einen Schlenker nach Norden. Mit 311 mm Spurweite unterbietet diese Touristenbahn sogar noch die Stuttgarter Killesbergbahn (381 mm)! Der Badeort Aberystwyth selbst diente als Ausgangspunkt für den Besuch der Vale of Rheidol Railway nach Devil’s Bridge mit seiner tiefen Schlucht und seinen malerischen Wasserfällen.

Ein Sonderzug ermöglichte eindrucksvolle Betriebsfotos. Roland Braun hat aber offenbar auch die Standseilbahn auf den Constitution Hill in Aberystwyth wegen der grandiosen Aussicht gefallen, an der er uns ausführlich teilnehmen ließ. Die folgende Transfer-Fahrt nach Shrewsbury wurde in Welshpool unterbrochen, um die Welshpool & Llanfair Light Railway zu erleben, deren Besonderheit ihre Spurweite von 762 mm ist und auf der deswegen leicht modifiziertes österreichisches und ungarisches Rollmaterial der „Bosnischen Spurweite“ (760 mm) im Einsatz ist.

Erfreulicherweise hatte unser Referent bei einem abendlichen Stadtbummel durch das malerische Shrewsbury viele reizvolle Szenen eingefangen, die den Wunsch erweckten, die Stadt noch einmal zu besuchen. Bevor das Kapitel Wales in der Hafenstadt Liverpool seinen Abschluss fand, gab es anlässlich des Besuchs der Llangollen Railway in dem namensgebenden Tal neben deren normalspurigen Fahrzeugen noch einmal landschaftliche Schönheiten zu bewundern, wird dieses doch in alten Reiseführern durchaus mit dem Rheintal verglichen. Einen effektvollen Schlusspunkt setzten Bilder des Cefn Mawr Viadukts aus dem Jahre 1848 über den Fluss Dee, der das Tal durchfließt.

81 Teilnehmer folgten dem von Roland Braun mit mancherlei Anekdotischem aufgelockerten Bildervortrag trotz dessen großen Umfangs mit Interesse und Vergnügen bis zu dessen Ende.

Einen Monat und damit genau vier Wochen später folgte die E-W-IoM-Retrospektive von Rainer Vogler, in der es um die erste und die letzte Woche der großen Studienfahrt 2016 ging – und der den Wales-Teil quantitativ noch einmal überbot: Also zunächst (Nord-) England und dann im Anschluss an die Wales-Woche die Isle of Man, sinnvollerweise durch die übliche Pause getrennt. Das waren natürlich zwei Regionen, wie sie unterschiedlicher kaum sein konnten, und auch die Teilnehmer waren, bis auf einige wenige, nicht identisch.

Mit wenigen Fotos wurde die getrennte Anreise per Bahn oder mit dem Flugzeug bis zu unserem Standquartier in York dokumentiert. Der geschichtsträchtigen Stadt, ihrem gewaltigen Münster und ihrem National Railway Museum waren die Aufnahmen des ersten Tages gewidmet. Nach meiner Meinung war der Querschnitt durch die Exponate des Museums klug ausgewählt und repräsentativ für die Fülle des Angebots. Die Zeitspanne reichte von den allerersten Fahrzeugen der 1830er Jahre bis zu einem Modell eines Kanaltunnelzuges, und deutlich kam der speziell britische Designstil bei den Lokomotiven und Wagen zum Ausdruck. Letzteres traf auch auf die Darstellung unseres Tages auf der North Yorkshire Moors Railway zu, der sich anschloss. Hier ergänzten sich die Eindrücke von den einfühlsam und liebevoll rekonstruierten Bahnhofsanlagen und  Fahrzeugen einerseits und der typischen, unverdorbenen Landschaft zwischen Wald, Moor und Küste aufs Glücklichste. Bilder des malerischen Küstenstädtchens Whitby mit seiner Klosterruine und dem Hafen waren dazwischen eingefügt.

Am dritten Tag ging es mit der Keighley and Worth Valley Railway ähnlich weiter. Einmal mehr hatte man das Gefühl einer „Zeitmaschine“, wenn man sich auf den kleinen Bahnhöfen und in den Wagen dieser Museumsbahn mit den historisch gekleideten ehrenamtlichen Mitarbeitern in den Stil früherer Jahrzehnte zurückversetzt fühlte.

Einige besonders schöne Bahnszenen kamen mit freundlicher Genehmigung eines Anwohners zustande und erforderten einige Balancierkünste beim Durchqueren des Flusses – natürlich auch fotografisch festgehalten! Für die meisten Gruppenmitglieder war damit der Tag aber noch lange nicht beendet: Trotz deren unwetterbedingter Unterbrechung sollte noch die legendäre Settle-Carlisle-Bergstrecke der ehemaligen Midland Railway besucht werden, und dazu war eine längere Busfahrt erforderlich. Diese ermöglichte glücklicherweise auch Aufnahmen entlang der Airedale-Strecke mit modernen Triebwagen und sogar einem Güterzug im denkmalgeschützten Bahnhof Hellifield, bevor mit einiger Verspätung schließlich das Wahrzeichen der Bergstrecke, der imposante Viadukt von Ribblehead, erreicht und eindrucksvoll ins Bild gesetzt wurde. In den gezeigten Bildern kam immer wieder der besondere Charakter der dortigen englischen Landschaft mit ihrer Mischung von grünen Tälern, kleinen Städten und den kahlen Bergrücken der einsamen Yorkshire Dales zur Geltung, und der Referent lieferte viele Hintergrundinformationen zu den Bildern mit. Auch die „urige“ Atmosphäre des Station Inn von Ribblehead wurde in einigen Fotos wieder lebendig.

Im Mittelpunkt des vierten Tages stand eindeutig der so typisch englische Badeort Blackpool, mit seiner für uns eher merkwürdigen Mischung von Badebetrieb und Tingeltangel – aber eben auch der einzigen Straßenbahn Großbritanniens, die nie ihren Betrieb eingestellt hat. Vielmehr verkehrten ihre historischen Fahrzeuge im Regelbetrieb, bis jetzt moderne Gelenkzüge an ihre Stelle getreten sind. Im historischen Depot sind die alten Triebwagen erhalten, und im Vortrag wurden sie denn auch ausführlich gezeigt. Zuvor nahmen wir noch einmal an der langen Fahrt mit einem Doppeldecker von 1901 auf der Seepromenade nach Fleetwood im Norden und Starr Gate im Süden teil und sahen auch die seit 2012 verkehrenden Flexity-Gelenkzüge in wechselnder Umgebung.

Den letzten Tag in England verbrachte die Gruppe nach eigenem Gusto in Manchester. In Rainer Voglers Rückblick kamen sowohl das grandiose „Museum of Science and Industry“ (MOSI) auf dem Gelände des ehemaligen Endbahnhofs der Liverpool-Manchester-Railway von 1830 wie auch das moderne Metrolink-Stadtbahnnetz gebührend zur Geltung. Ein Regionalpass ermöglichte den Teilnehmern dessen freizügige Nutzung. Mit seinen Hochbahnsteigen einerseits und der Nutzung ehemaliger Staatsbahnstrecken im Umfeld der Stadt mag es den Beteiligten wie eine Verbindung der Stuttgarter und Karlsruher Konzepte vorgekommen sein. Im Museum wiederum beeindruckte neben der Fülle und Qualität der Exponate die museumspädagogisch durchdachte Präsentation, worauf im Rückblick besonders hingewiesen wurde.

Ihren Abschluss fanden die Rückblicke mit vielen Fotos von der Isle of Man in der Irischen See einschließlich solchen von Schiffen, mit denen man die Insel von Liverpool und Heysham aus erreicht. Die Fotoausbeute war deshalb besonders reichhaltig, weil der Referent länger als der Großteil der Reisegruppe auf der Insel verweilte und deshalb noch vom besseren Wetter profitierte.

So war denn auch die Bildreihenfolge nicht streng chronologisch. Zunächst befuhr Rainer Vogler mit uns die Strecke Douglas – Castletown – Port Erin der „Isle of Man Steam Railway“ (IMR), das letzte erhaltene Stück des früher größeren 914 mm-Dampfbahnnetzes. Dann folgte eine ausführliche Darstellung der 27,4 km langen „Manx Electric Railway“ (MER), die durchgehend zweigleisig und mit der gleichen Spurweite wie die IMR seit 1899 den Hauptort Douglas mit Ramsey im Norden der Insel verbindet. Die Bahn verläuft teilweise entlang der Ostküste der Insel und gewährt schöne Ausblicke auf die Irische See. Ihre vierachsigen Triebwagen aus den ersten Jahren des Betriebs haben schräge Türen an den beiden Wagenenden, Stangenstromabnehmer und führen halboffene Sommerwagen oder geschlossene Wagen mit.

Von der MER-Zwischenstation Laxey führt die Snaefell Mountain Railway mit einer Maximalsteigung von 120 ‰ auf den höchsten Berg der Insel (620 m ü.d.M.), der bei gutem Wetter (!) eine exzellente Rundumsicht ermöglicht. Die Bahn mit 1067 mm Spurweite hat als einzige in Großbritannien Rechtsverkehr und eine Mittelschiene nach dem Fell-System, die aber schon lange nicht mehr zur Erhöhung der Adhäsion benutzt wird. Die noch fünf vorhandenen elektrischen Triebwagen aus dem Eröffnungsjahr 1895 bestreiten nach wie vor den Betrieb.

Die nostalgischste der nostalgischen Inselbahnen ist sicher die 2,8 km lange Pferdebahn, die seit 1876 den Fähranleger mit der Endstation der MER verbindet. Der Bahn und ihren derzeit 22 Kaltblütern gehört ersichtlich Rainer Voglers besondere Zuneigung, die sich in stimmungsvollen Fotos manifestiert und in der Genugtuung, dass die ausgerechnet im Jahr des 140-jährigen Bestehens vorgesehene Stilllegung nun zunächst einmal abgewendet werden konnte. Abschließend sollen noch zwei „Bähnchen“ erwähnt werden: die, nur wenige hundert Meter lange, Groudle Glen Railway mit ihrer spielzeughaften Dampflokomotive „Sea Lion“, die nach über 20 Jahren 1986 von einem Museumsbahnverein wieder zum Leben erweckt worden ist und das 400 m lange Teilstück der Great Laxey Mine Railway, das 2004 wiedereröffnet wurde und auf dem Repliken der originalen Lokomotiven von 1877 verkehren. Ein technikgeschichtlich herausragendes Relikt des früheren Blei-Bergbaus auf der Insel ist schließlich noch das „Laxey Wheel“ von 1854, mit 22,1 m Durchmesser das größte noch in Betrieb befindliche Wasserrad der Welt und von der Snaefell-Bergbahn aus gut sichtbar.

75 Teilnehmer folgten auch diesem letzten Bildvortrag, mit dem unsere unvergessliche und fotografisch äußerst „fruchtbare“ Studienfahrt nach Großbritannien ihren endgültigen Abschluss fand. Für einige war es ein Eintauchen in schöne Erinnerungen, für die anderen eine wertvolle Abrundung des nur teilweise oder gar nicht selbst erlebten Streifzugs durch das „Mutterland der Eisenbahn“. Den beiden Referenten, die diese dreiwöchige Exkursion auch perfekt vorbereitet und organisiert haben, gilt unser herzlicher Dank.

 

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