VERKEHRSFREUNDE STUTTGART E.V.
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08.07.2017 – Bahn-Impressionen in den USA, Teil 1 – Bildervortrag von Dr. Peter Hartmann

Rückblick von Dr. Peter Hartmann

Zu Beginn meines Vortrags am 8. Juli habe ich gesagt, dass es mir eine Freude sei, bei den Verkehrsfreunden über eines meiner Lieblingsgebiete sprechen zu dürfen – und das war es auch wirklich! Meine ursprüngliche Skepsis, ob dieser recht persönliche Bericht über das, was ich auf vier sehr unterschiedlichen Reisen in die Vereinigten Staaten vom dortigen Schienenverkehr gesehen und fotografiert habe, auf hinlängliches Interesse stoßen würde, erwies sich als unbegründet.

Trotz Temperaturen von über 30°C nahmen 62 Personen an dem Bildervortrag Teil, wobei etliche von ihnen eine längere Anreise (Oberschwaben, München, Saarland und sogar Schweiz) in Kauf genommen haben. In der Pause des Vortrags und danach gab es lebhafte Gespräche mit Verkehrsfreunden und Verkehrsfreundinnen über einzelne Themen, die großes Interesse und erhebliche Sachkunde bewiesen. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken. Vor allem möchte ich aber auch den bedeutenden Anteil von Bernd Katz am Gelingen dieser Bilder-Revue hervorheben. Mehrfach haben wir den Stoff durchgearbeitet, und Bernd hat insbesondere ältere Bilder sowie Karten optisch verbessert und Titel eingefügt. Auch darf ich einen Dank an Jürgen Jung nicht vergessen, der es mir ermöglich hat, die Video-Sequenz eines vorbeifahrenden Amtrak-Zuges samt Geräuschkulisse effektvoll vorzuführen.

Es war mir wichtig zu vermitteln, wodurch ich schon als Schüler und Student mit dem amerikanischen Eisenbahn-Virus infiziert worden bin, nämlich die Lektüre alter Jahrgänge der führenden Hobby-Zeitschrift „Trains“ und ein Buch des Journalisten, Fotografen und sprachlich brillanten Autors Lucius Beebe mit dem Titel „Highball“. Inzwischen ist daraus ein halber Bücherschrank mit einschlägiger Literatur geworden.

1972 ergab sich dann durch die Einladung amerikanischer Europa-Touristen für mich die Möglichkeit, Kalifornien kennenzulernen. Damals lag der Personenfernverkehr nach dem Ausstieg der privaten Bahngesellschaften und der Gründung der halbstaatlichen Amtrak ziemlich am Boden, und meine Kontakte mit dem Schienenverkehr in Kalifornien und Arizona waren eher sporadisch und zufällig. Immerhin konnte ich wenige Fotos von der Roaring Camp & Big Trees Narrow Gauge Railroad bei Santa Cruz, den Cable Cars und PCC-Straßenbahnen in San Francisco sowie von Amtrak-Zügen zwischen San Diego und Salinas machen – letztere noch mit dem klassischen und veralteten rollenden Material der Santa Fe und Southern Pacific Railroads.

1980, als ich mit meiner Frau die Ostküste und wiederum Kalifornien besucht habe, hatte sich daran eigentlich immer noch nicht viel geändert, wie die gezeigten Fotos von der transkontinentalen Bahnreise von Chicago auf der Santa Fe-Hauptstrecke nach Los Angeles und auf der Southern Pacific-Küstenstrecke nach Salinas zeigten. Lediglich die Lokomotiven waren nun Amtrak-Neubeschaffungen der General Motors Electro-Motive Division (EMD). Hier rundeten wenige Aufnahmen des Metro North Vorortverkehrs und der U-Bahn in New York und Blicke vom 430 m hohen Sears Tower (seit 2009 Willis Tower) in Chicago auf vorhandene oder bereits brachliegende Bahnanlagen das Bild ab. Um diese Entwicklung zu verdeutlichen habe ich anhand einer reproduzierten Übersichtskarte die Lage und Funktion der ehemals 6 Personen-Fernbahnhöfe erläutert. Chicago ist auch heute noch der wichtigste Bahnknotenpunkt in den USA, aber mit der Union Station ist nur ein Fernbahnhof übriggeblieben. Dafür hat der Güterverkehr möglicherweise sogar an Bedeutung zugenommen, und vier Bahnhöfe wickeln einen starken Pendlerverkehr ab.

Mit der dritten Reise im Jahre 2015 begann der eigentliche und umfangreiche Bahnfoto-Teil. Aus den Neuengland-Staaten Massachusetts und New Hampshire konnte ich Betriebsfotos von den beiden Bostoner Bahnhöfen South Station (ex New Haven Railroad) und North Station (ex Boston & Maine Railroad) zeigen, ergänzt um Impressionen der Bostoner U-Bahn und Matapan PCC-Linie. Nostalgisches Gegenstück war die Conway Scenic Railroad in den White Mountains von New Hampshire mit ihrem buntgemischten Fahrzeugbestand und dem historischen Bahnhof von North Conway.

Pragmatischer Ortswechsel per Flugzeug nach Chicago: Ein erneuter Ausflug auf die Spitze des Sears Tower, der inzwischen als Willis Tower firmiert, gab die Möglichkeit, einen aktuellen Blick auf die darunterliegende Bahnhofslandschaft Chicagos zu werfen und Vergleiche mit dem Bild des Jahres 1980 zu ziehen. Auch kamen die Hochbahnschleife („Loop“) in der Innenstadt und die Vorortstrecke der ehemaligen Illinois Central am Michigansee ins Bild. Die nun anschließende transkontinentale Bahnreise mit dem Amtrak-Zug „Empire Builder“ nach Seattle am Pazifik begann mit Fotos von der imposanten Bahnhofshalle der Union Station, führte zunächst an den Rand des Glacier National Parks in Montana und gab auch Gelegenheit, den doppelstöckigen Zug mit seinen verschiedenen Wagentypen von außen und innen vorzuführen. Fotos von der durchfahrenen Landschaft entlang der kanadischen Grenze und von der alpinen Region der Rocky Mountains illustrierten das Reiseerlebnis auf dieser ehemaligen Hauptstrecke der Great Northern Railroad (heute BNSF). Von den innerstädtischen Verkehrsmitteln in Seattle waren die Alwegbahn von 1961, die erste neue Straßenbahnlinie an das Ufer des Lake Union und verschiedene Obusse zu sehen.

Die zweite Bahnfahrt führte mit dem „Coast Starlight“ rund 20 Stunden lang von Seattle über Portland, Oregon und durch die Cascade Mountains ins Tal des Sacramento River und in die gleichnamige Hauptstadt Kaliforniens. Hier war der eisenbahngeschichtliche Höhepunkt der Besuch des grandiosen California State Railroad Museums, der wiederum in der dort ausgestellten letzten „Cab Forward“, der AC12 Nr. 4294 der Southern Pacific kulminierte.

Sacramento bietet aber noch mehr: Zum einen ist im musealen Quartier „Old Sacramento“ die Keimzelle der ersten transkontinentalen Eisenbahnlinie (Central Pacific 1863-69) rekonstruiert worden, zum anderen hat die Stadt eines der ersten neuentstandenen Stadtbahn-Netze in den USA, und schließlich beginnt im ebenfalls runderneuerten Bahnhof die regionale „Capitol Corridor“ IC-Linie nach Emeryville an der Bucht von San Francisco und nach San Jose, dem Hauptort des Silicon Valley. Ein kurzer Ausflug mit einem dieser modernen Doppelstockzüge nach San Francisco selbst brachte schließlich noch den im regulären Nahverkehr eingesetzten, schön restaurierten PCC-Straßenbahnwagen einen Auftritt.

Die nun folgende West-Ost-Rückfahrt mit dem Amtrak „California Zephyr“ war der landschaftliche Höhepunkt dieser ganzen Reise. Hier kam auch der Aussichtswagen des Zuges voll zur Geltung. Bei Tage wurde die der Sierra Nevada am (durch Waldbrände verschleierten) Donner-Pass überquert und die Wüstenlandschaft von Nevada durchfahren.

Im Anschluss an die Nachtstrecke in Utah folgte die unglaubliche Szenerie entlang des Colorado River bis über die kontinentale Wasserscheide zwischen Pazifik und Atlantik und hinter dem Moffat-Tunnel schließlich der Abstieg ins immer noch 1600 m hoch gelegene Denver stellte eine Kombination zweier legendärer Eisenbahn-Langstrecken dar: zunächst des Southern Pacific-Abschnitts der 1869 eröffneten „Overland Route“, ab Salt des „California Zephyr“ auf der Hauptstrecke der Denver & Rio Grande Western von Salt Lake City nach Denver in Colorado. Mit Ausnahme einiger Fotos unzähliger abgestellter Union Pacific Loks in Roseville, California, und Grand Junction, Colorado und entlang der Wagenschlange des Zuges stand hier die einzigartige Landschaft im Mittelpunkt, die diese Bahnfahrt zum vielleicht eindrucksvollsten Erlebnis der ganzen Reise machte.

Nach 210 Bildern und 2 ½ Stunden endete mit der Einfahrt in den Kopfbahnhof Denver Union Station dieser erste Teil meiner USA-Eisenbahn-Impressionen. Mit einer etwa gleich großen Anzahl von Bildern, diesmal aber mehr auf Eisenbahnfahrzeuge als auf Zugfahrten ausgerichtet, soll sich im Januar 2018 ein zweiter und letzter Teil zum selben Thema anschließen.

Verkehrsfreunde Stuttgart e.V.

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