VERKEHRSFREUNDE STUTTGART E.V.
VERKEHRSFREUNDE STUTTGART E.V.

Die Erwartung der über 100 Zuhörer war sicherlich hoch, versprachen doch die Teile 1 (Innenstadtlinien) und Teil 2 (Vorortstrecken von Botnang über den Norden bis zu den Neckarvororten) wieder ein sprichwörtliches Feuerwerk an historischen und aktuellen Fotos der Stuttgarter Nahverkehrsgeschichte zu werden. Ulrich Theurer als Referent und Bernd Katz, der viele alte, oft nur kleine Aufnahmen zu ansehbaren Fotos bearbeitet hatte und dazu noch aktuelle Vergleichsaufnahmen herstellte, führten die Anwesenden zu einer Zeitreise auf die Filder.

Am Rande seines Vortrages warf Ulrich Theurer noch einen nostalgischen Rückblick auf seinen allerersten Vortrag bei den Verkehrsfreunden Stuttgart am 19.01.1957 (!). In der Gaststätte Paule in Stuttgart-Untertürkheim referierte er damals vor knapp 20 Teilnehmern über „Straßenbahnen in der Ostzone“. Ca. 100 Schwarzweißbilder wurden mit dem Episkop projiziert.

Elekrischer Zahnradbahntriebwagen der 1. Generation im alten Zahnradbahnhof in der Filderstraße. ZTw 109 war in der 1950er Jahren nur noch bei erhöhtem Verkehrsauf- kommen im Einsatz. Aufnahme: Joachim von Rohr - 14.06.1954.

Auftakt des jetzigen Vortrags war natürlich die Keimzelle der Filderbahn: die Zahnradbahn vom alten Zahnradbahnhof an der Filderstraße (heute: Werkstatt und Depot) bzw. vom Marienplatz nach Degerloch. Schon die ersten Aufnahmen mit einer Zahnraddampflok und Vorstellwagen verdeutlichten, dass es sich bei der Filderbahn um eine richtige Eisenbahn gehandelt hat. Auch die hochbeinigen elektrischen Zahnradbahntriebwagen der ersten Generation, welche nur talseitig einen Fahrschalter besaßen, waren ein Augenschmaus. Der 1931 eröffnete Zahnradbahnhof am Marienplatz verdiente noch seinen Namen als Bahnhof, die heutige Endstelle ist hierzu im Vergleich sehr bescheiden. Sowohl die beengten Platzverhältnisse im Betriebshof an der Filderstraße wie auch die ausladenden Scherenstromabnehmer von Tw 105 kurz nach der Ablieferung, faszinierten die Zuschauer.

Natürlich fehlten auch nicht Aufnahmen von der Ausweiche Wielandshöhe der sogenannten Türkenbrücke, oder des alten Degerlocher Zahnradbahnhofs, auch spöttisch Hundehütte genannt.

Transport des "neuen" Tw1002 - mittlerweile auch schon 35 Jahre alt - von Degerloch ins Depot bzw. in die Werkstatt an der Filderstraße. Aufnahme: Bernd Katz - 27.08.1982.

Das Foto zeigte einen Personaltriebwagen (200er), der das mit der Zahnradbahn aus der Betriebsküche in der Filderstraße gebrachte Mittagessen vom Zahnradbahnhof Degerloch zum Straßenbahnbetriebshof Degerloch transportierte. Aufnahme: Joachim von Rohr - 25.08.1960

Weiter ging die Zeitreise am stilvollen Bahnhof Degerloch West und dem Güterbahnhof vorbei, welche auch längst Geschichte sind. Auch hier kann man sich die Situation von damals kaum mehr vorstellen; wo einst Güterwagen beladen wurden, um mit den Elloks nach Vaihingen gebracht zu werden. Heute hat sich dort die Bundesstraße mit zahlreichen Fahrspuren breitgemacht. Auch wäre es heute undenkbar, dass ein Güterzug in Falschfahrt nach Möhringen unterwegs ist, da nur das westliche Gleis auch die normalspurige dritte Schiene aufwies. Besonders schön war die Aufnahme, welche einen Güterzug in der Kurve zwischen dem Riedsee und dem Bahnhof Möhringen zeigt, dicht gefolgt von einem für die 1950er Jahre auf den Linien 5 und 6 typischen Dreiwagenzug, gezogen von einem Gartenschauwagen.

Degerloch-West: Sonderfahrt der Verkehrsfreunde Stuttgart im Rahmen des Verbandstags des Bundesverbandes deutscher Eisenbahn-Freunde 1964 in Stuttgart, Aufnahme: Gerhard Jäkle - 09.05.1964

Das kleine Haus rechts steht heute noch. Aufnahme: Bernd Katz - 13.10.2012

Die Häusergruppe ist auch hier noch zu erkennen. Das kleine Haus im Hintergrund über dem Tunnelportal ist kaum zu sehen. Die Haltestelle Degerloch ist heute im Untergund verschwunden, jedoch nicht die Haltestelle Albstraße,  die gleich von der U6 bedient wird. Aufnahme: Bernd Katz - 01.08.21012.

Standort unweit entfernt vom vorherigen Bild. Plakat: "Extra-Fahrt für alle Freunde der Eisenbahn am Samstag, dem 8. Mai 1965 mit Dampflokomotive und alten Wagen von Stuttgart Hbf über Stuttgart-Vaihingen nach Neuhausen (Filder) und S-Degerloch-West. Von Stgt-Vaihingen nach Stg-Degerloch-West wird der Extra-Zug von der elektrischen Güterzug-Lokomotive der Filder-Bahn befördert. Veranstalter: Verkehrsfreunde Stuttgart. Aufnahme: Gerhard Jäkle.

Stuttgart-Sonnenberg: Heute wäre es undenkbar, dass ein normalspuriger Zug in Falschfahrt nach Möhringen unterwegs ist, da nur das westliche Gleis auch die normalspurige dritte Schiene aufwies. Die Straßenbahnlinie 6 fährt währenddessen in der Gegenrichtung ebenfalls auf dem falschen - nämlich auf dem linken - Gleis Richtung Möhringen. Aufnahme: Archiv SSB

Besonders schön ist diese Aufnahme, die einen Güterzug in der Kurve zwischen dem Riedsee und dem Bahnhof Möhringen zeigt, dicht gefolgt von einem für die 1950er Jahre auf den Linien 5 und 6 typischen Dreiwagenzug gezogen von einem Gartenschauwagen. Aufnahme: Joachim von Rohr - 16.05.1960

U6 nach Gerlingen, links angeschnitten die Kirche St. Hedwig, deren Kirchturm miest auf den älteren Aufnahmen zu sehen ist. Bild: Bernd Katz - 01.08.2012

Tw 146 - ein Krefelder - abfahrbereit nach Echterdingen. Aufnahme: Otto Blaschke - 1964.

Ebenfalls in Möhringen Bf, eine U3 nach Vaihingen an derselben Stelle. Aufnahme: Bernd Katz - 24.09.2013

Über den Bahnhof Möhringen könnte man sicher einen eigenen Vortrag halten. Einzig das ehemalige Empfangsgebäude ist, mustergültig renoviert, noch vorhanden. Wo einst in großer Zahl Wagenhallen und Werkstätten waren, erstrecken sich heute moderne Wohngebäude. Dort, wo einst die mächtigen Filderbahntriebwagen auf den Fahrgastwechsel warteten, wurden selbige 1964 an Ort und Stelle verschrottet.

Der Strecke nach Hohenheim war ein eigenes Kapitel gewidmet. Die Situation an der Haltestelle Landhaus war gut über die Jahrzehnte dokumentiert. Einst befand sich die Haltestelle auf freiem Feld, heute zwischen Büro- und Wohnbebauung. Die Gebäude sind jedoch durch sehr hoch gewachsenen Bäume mittlerweile nicht mehr zu sehen!

Landhaus um 1960 - Archiv Bernd Katz

Landhaus 29.07.1960 - "modernes" Wagenmaterial auf Linie 32,

Aufnahme: Joachim von Rohr

Landhaus 26.08.1962 - Aufnahme Dieter Schlipf.

Landhaus um 1962 - Güterverkehr nach Hohenheim bis 1963 - Archiv: Bernd Katz

Landhaus 1976 - noch ist die Bezeichnung Linie "31" nicht verschwunden. Aufnahme: Bernd Katz

Landhaus 1988 - Linie U3 (noch ohne U in der Zielbeschilderung) - die 1. Stadtbahnlinie in Stuttgart. Aufnahme: Bernd Katz

Landhaus 24.09.2013 - Stadtbahnwagen der 2013 neuesten Generation auf der U3 nach Vaihingen. Aufnahme: Bernd Katz

Hohenheim besitzt schon lange keinen Gleisanschluss mehr. Auch kaum mehr vorstellbar, dass hier einst normalspurige Güterzüge bis fast vor das dortige Schloss verkehrten. Ob es stimmt, dass sich in der Nachkriegszeit ein amerikanischer General mit einem Schnellverkehrs-Triebwagen bis Hohenheim hat bringen lassen, lässt sich heute nicht mehr nachprüfen.

Auch die folgenden Fotos vom Abschnitt nach Echterdingen sind wahre Raritäten.

Echterdingen/Hauptstraße, damals noch die B27! Die Linie 31 fuhr nur bis 06.05.1956 zur Endstelle Echterdingen, danach die Linie 32. Aufnahme Jachim von Rohr - 21.05.1955

Echterdingen/Hauptstraße - Endstelle mit Umsetzgleis. Aufnahme: Archiv: Jürgen Ranger - 23.08.1962. Die Schleife Echterdingen war erst ab 05.09.1963 in Betrieb.

Echterdingen/Hauptstraße heute: Aufnahme: Bernd Katz - 07.09.2016

S-Möhringen: Eine ebenerdige Kreuzung mit der Vaihinger Straße war in den 1960er Jahren schon mit 2 Linien (31 und 32) problematisch. Aufnahme: Archiv: Bernd Katz . . .

. . . über ein halbes Jahrhundert später, am 24.04.2017: Heute verkehren dort die Stadtbahnlinien U3, U5, U6, U8, U12. Das Haus im Hintergund ist schön renoviert. Aufnahme: Bernd Katz

Dem Abschnitt nach Vaihingen waren zuerst mehrere Fotos der Kreuzung an der Vaihinger Straße gewidmet, bevor es über Felder nach Vaihingen ging. Wenn man aktuell mit der U3 diesen Abschnitt durch das Industriegebiet befährt, braucht man viel Fantasie, um sich hier das einst legendäre Filderkraut an dieser Stelle vorzustellen.

Die Aufnahme entstand um 1960 an der heutigen Haltestelle SSB-Zentrum (Aufnahme: Joachim von Rohr . . .

. . . das Gebäude im HIntergrund über dem Hochbahnsteig ist nach knapp 60 Jahren immer noch gut zu erkennen. Aufnahme: Bernd Katz - 24.04.2017

Sowohl die Szenen am Wallgraben, im Bahnhof Vaihingen mit Meterspur und Normalspur wie auch die Ortsdurchfahrt durch die Hauptstraße, vorbei am ehemaligen Schwabenbräu-Areal, sind kaum noch nachvollziehbar. Auch schon fast vergessen ist die Endschleife an der Krehlstraße.

Nun spannte sich der Bilderbogen über die Strecke der Neuen Weinsteige. Einst fuhren auch hier die Züge bzw. Triebwagen der Filderbahn bis zur Haltestelle Bopser. Auf den Aufnahmen konnte man gut den einstigen Slogan „Stadt zwischen Wald und Reben“ nachvollziehen, als sich die Straßenbahn noch entlang der Weinbergmauern ins Tal schlängelte.

Es folgte nun der Abschnitt von Südheim nach Rohr. Die Partie am ehemaligen Betriebshof Südheim ist noch vielen geläufig. Lange wurde die ehemalige Wagenhalle noch als Lagerhaus genutzt. Auch die Fotos der ehemaligen Freiluftabstellanlage an der Heidenklinge und vom Bau des späteren Betriebshofes Heslach erinnerten an längst vergangene Betriebssituationen. Die Ortsdurchfahrt in Kaltental hat sich dagegen in den letzten 50 Jahren von der Bebauung her jedoch kaum verändert, umso mehr der Schillerplatz in Vaihingen. Fast ländlich wirkt der Eröffnungszug der Linie 17 dort und wohl jeder Vaihinger war damals auf den Füßen. Heute ist dort nahezu kein historisches Gebäude mehr zu sehen. Mit dem Streckenabschnitt ins ländlich geprägte Rohr endete dieses Kapitel.

Als letztes Kapitel stand die Strecke vom Bubenbad nach Sillenbuch bzw. Heumaden auf dem Programm. Noch heute kann man von der einzig verbliebenen Panoramastrecke auf der Schiene die einzigartige Aussicht auf die Innenstadt genießen. Ein Triebwagen des Typs T2 auf dem einstigen Abzweig an der Ruhbank zu den Spielplätzen war sicher nicht alltäglich. Auch der Wandel der einstigen Endhaltestelle Heumaden konnte gut nachvollzogen werden.

Auf einem alten Foto aus Nellingen war ein END-Büssing-Präfekt zu sehen, der als Linie R Heumaden über Ruit verband. Heute fahren zwischen diesen beiden Orten 2 Stadtbahnlininen, nämlich die U7 und die U8. Ein markantes Hochhaus nahe der Haltestelle Technische Akademie bildete das verbindende Element zwischen der neuen Stadtbahn und der 1978 eingestellten Straßenbahn Esslingen – Nellingen – Denkendorf (END). Die seit 2000 bestehende SSB-Trasse kommt der einstigen eingleisigen END-Strecke doch sehr nah!

Unseren großen Dank möchten wir unserem Ehrenmitglied Ulrich Theurer für seinen, wie er sagte, leider letzten Vortrag aussprechen. Mit großem Sachverstand und vielen Anekdoten nahm er die Anwesenden in packender Weise mit auf seine Zeitreise. Auch großen Dank an Bernd Katz für die zeitraubende Zusammenstellung des Vortages. Dank natürlich auch an die vielen Bildautoren, ohne die ein solcher Vortrag nie zustande gekommen wäre.

Verkehrsfreunde Stuttgart e.V.

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