VERKEHRSFREUNDE STUTTGART E.V.
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02.09.2017 – Ferienprogramm: Studienfahrt zur Härtsfeld-Museumsbahn Organisation und Reiseleitung Harald Frank

Rückblick von Dr. Peter Hartmann

Seit langem bestehen zwischen der Härtsfeld-Museumsbahn (HMB) und den Verkehrsfreunden Stuttgart besondere, nämlich ausgesprochen freundschaftliche Beziehungen: Spenden unserer Vereinigung, Besuche unserer Mitglieder in Neresheim, eine Exkursion im Jahre 2006 und nicht zuletzt die Grußworte, die Vorstandsmitglied Jürgen Ranger anlässlich unseres 70-jährigen Jubiläums im Januar dieses Jahres in Schaffneruniform gesprochen hat, zeigen die enge Verbundenheit beider Vereinigungen. Es war also nur logisch, dass bei der Auswahl des diesjährigen Ferienprogramms im Vorstand sehr schnell die Wahl auf die Bahn auf der Ostalb fiel. Eine Teilnehmerzahl von 74 Personen bewies, dass wir damit auch das Interesse unserer Mitglieder getroffen haben.

Entgegen einigen Befürchtungen im Vorfeld, ob denn die Remsbahn angesichts bekannter betrieblicher Probleme bis hin zu häufigen Zugausfällen uns zuverlässig und pünktlich nach Aalen und zurück nach Stuttgart bringen würde, klappte die An- und Rückreise in den doppelstöckigen RE-Zügen perfekt. Wie gewünscht fanden wir zusammen unsere Plätze im Zug vor, der um 9.22 Uhr den Stuttgarter Hauptbahnhof verließ. Um 10.25 Uhr erreichten wir pünktlich den Bahnhof Aalen, wo uns unser kundiger Führer Jürgen Ranger bereits auf dem Bahnsteig erwartete.

Nach der allgemeinen Begrüßung und einem Ausblick auf das vorgesehene Tagesprogramm gab er uns eine Einführung in Geschichte und Gegenwart des Bahnknotens Aalens, in dem fünf Strecken zusammentreffen (mit der Härtsfeldbahn früher sogar sechs). Aalen erhielt 1861 durch die Remsbahn Cannstatt – Wasseralfingen den ersten Bahnanschluss. Hier befand sich eines der vier Ausbesserungswerke der ehem. Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen, später der DRG und der DB. Das Bw beherbergte zahlreiche Dampfloks, nicht zuletzt die Baureihe 78. 1971 wurde der elektrische Betrieb auf der Remsbahn aufgenommen. Heute herrscht Taktverkehr mit elektrischen IC und Doppelstock-RE sowie den Triebwagen des Fugger-Express, ferner mit den Dieseltriebwagen der Brenzbahn Ulm – Aalen (– Ellwangen / Crailsheim). Seinem lebendigen Vortrag kam zugute, dass er aus Aalen stammt und der Stadt und Region nach wie vor verbunden ist.

Da die ehemalige Schmalspurbahn ja schon lange aus dem Aalener Stadtbild verschwunden ist, ist bis zum Streckenbeginn der Härtsfeld-Museumsbahn im 24 (Straßen-) km entfernten Neresheim zunächst ein Bus-Transfer erforderlich. Der Reisebus auf dem Bahnhofsvorplatz stellte sich als durchaus ungewöhnlich und auf seine Weise attraktiv heraus. Harald Frank hatte einen vierachsigen, zweistöckigen Neoplan „Megaliner“, Baujahr 1993, geordert, der vom Oldtimerbus-Unternehmer Josef Albrecht höchstpersönlich gesteuert wurde. Dieses riesige Gefährt, das einst im Linienverkehr Deutschland – Spanien eingesetzt war, bot mit seinen 80 Sitzen allen Teilnehmern einschließlich „Vereinshund“ Helge Platz. Im oberen Stock waren beim Stehen die Köpfe einzuziehen, und es bedurfte offenbar schon einigen fahrerischen Geschicks, um den Jumbo zunächst einmal aus den engen Aalener Straßen auf die Landstraße nach Neresheim zu bringen. Natürlich lief mit dem Chef am Steuer alles glatt, und der lange Anstieg hinter Unterkochen auf die Albhochfläche des Härtsfelds wurde dank des ca. 500 PS starken Motors, wenn auch in mäßigem Tempo, gemeistert.

Die rund halbstündige Busfahrt nutzte Jürgen Ranger, um uns zum einen über Bau- und Betriebsgeschichte der Härtsfeldbahn, alternative Linienprojekte, Eigentümerverhältnisse und technische Besonderheiten ins Bild zu setzen, zum anderen aber auch, um uns einen Begriff von der Geographie, Geologie und den schweren Lebensbedingungen der bäuerlichen Bevölkerung in dieser kargen Region um die vorletzte Jahrhundertwende zu geben. Ein Blick auf die steinigen Äcker der Hochfläche machte die Bedeutung des Namens „Härtsfeld“, nämlich hartes, d.h. steiniges Feld, klar. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwang die mangelnde wirtschaftliche Perspektive viele Bewohner zur Auswanderung, u.a. nach Amerika. Dieser Entvölkerung entgegenzuwirken, war denn auch ein Hauptziel beim Bau der meterspurigen Bahn, die 1901 zunächst zwischen Aalen und Ballmertshofen (württembergisch-bayerische Grenze) eröffnet, 1906 schließlich bis nach Dillingen an der Donau verlängert wurde. Damit hatte sie mit 55 km für eine solche „Kleinbahn“ eine durchaus respektable Länge.

Durch die Bahn konnten die Rahmenbedingungen der Landwirtschaft verbessert, die „Landflucht“ zumindest gemildert werden. Da es aber – mit einer Ausnahme – nicht gelang, Industrie an die Strecke zu ziehen, war die wirtschaftlich-finanzielle Situation der Bahn eigentlich immer prekär, mit dem Erstarken des Straßenverkehrs nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie es umso mehr, so dass es eher verwunderlich war, dass sie erst 1972 ihren Betrieb aufgeben musste. Angestrengte und findige Rationalisierungsbemühungen der Eisenbahner, u.a. durch Beschaffung von Dieseltriebwagen in den 1950er Jahren, und eine sehr sparsame Betriebsführung konnten das Ende nicht abwenden. Glücklicherweise hat sie mit der heutigen Härtsfeld-Museumsbahn, die 1985 von einer Gruppe Enthusiasten gegründet wurde und die 2001 auf dem Abschnitt Neresheim – Sägmühle den musealen Bahnbetrieb aufnehmen konnte, wenigstens in Teilen einen Nachfolger gefunden. Leider ist die besonders interessante Bergstrecke Aalen – Ebnat verloren.

Während der Fahrt zeigte uns Jürgen Ranger den noch zu erahnenden Verlauf des kurvenreichen und steilen Streckenteils zwischen dem Aalener Schmalspur-Güterbahnhof (mit Rollbockanlage) und dem ehemaligen Haltepunkt Höllhau, wo die Bahn auf weniger als 10 km mit einer Maximalsteigung von 35‰ eine Höhendifferenz von rund 200 m überwinden musste und auf einem 85 m langen Steinviadukt ein Seitental zu überbrücken war. Von diesem, den wir 2006 noch hatten in Augenschein nehmen können, und von dem 96 m langen Kocherburg-Tunnel durch einen Bergvorsprung war vom Bus aus wegen der dichten Bewaldung leider nichts zu sehen. Auch bei der Weiterfahrt über Ebnat und Elchingen nach Neresheim wies er mehrfach auf noch erkennbare Relikte der ehemaligen Bahn, wie Bahnhofsgebäude und Trassenreste, hin.

Nach der Ankunft am Bahnhof in Neresheim teilte sich die Reisegruppe. Diejenigen, welche bereits Hunger verspürten, nahmen in der Gaststätte im ehemaligen Bahnhofsgebäude das Mittagessen ein. Die anderen, zu denen auch der Verfasser dieser Zeilen gehörte, blieben im Bus und fuhren, von Jürgen Ranger begleitet, entlang der Museumsbahn und der Trasse, die wieder Bahn werden soll, bis zum Rückhaltebecken Härtsfeldsee mit dem ehemaligen und zukünftigen Haltepunkt Katzenstein (die gleichnamige Burg ist von dort sichtbar). Jürgen Ranger wies während der Fahrt auf die bereits im Gang befindliche Gleisverlegung durch die Vereinsmitglieder hin und erläuterte die Probleme mit dem weichen Untergrund in Seenähe. Unterwegs waren zwei Brücken über das Flüßchen Egau, in dessen Talgrund die Bahn verläuft, zu sanieren. Kopfschütteln rief seine Bemerkung hervor, dass die Aufsichtsbehörde bei der ersten Brücke auf einem Beton-Neubau der Widerlager bestand, letztere aber dann so fest waren, dass man sie mit dem Presslufthammer nicht abbrechen konnte. Die Energie, mit welcher der Verein trotz aller, insbesondere finanzieller, Hindernisse, den Weiterbau der Strecke betreibt, ist bewundernswert. Man verwendet altbrauchbare Schwellen und Schienen und macht bis auf das abschließende Stopfen und Richten des Gleises alles selbst. Den eigenen Schotterwagen konnten wir unterwegs sehen, ebenso bereits verlegte Schwellen.

Von Katzenstein sind es 2 ½ km bis zum ehemaligen Bahnhof Dischingen, dem Ziel des Museumsbahnbaus in rund 8 km Entfernung von Neresheim: Man weiß heute noch nicht, wann man dieses erreicht, aber glücklicherweise konnte der Verein das dortige Bahnhofsgebäude erwerben. Es ist typisch für die Architektur derartiger Bauwerke an der Härtsfeldbahn, und dass es so erhalten geblieben ist, muss man als wahren Glücksfall betrachten. Dereinst wird es ein weiteres Schmuckstück der Museumsbahn und ein authentisches Zeitzeugnis sein. Verblüffenderweise sind die Räume im Erdgeschoss des Empfangsgebäudes mit Dienst- und Warteraum sowie der angrenzende kleine Güterschuppen praktisch im Zustand der 1970er Jahre erhalten, wovon wir uns bei einer Besichtigung überzeugen konnten. Nun ging es zügig nach Neresheim zurück, wo der geplante Rollentausch stattfand: Die mittlerweile auch hungrige Busgesellschaft ging zum Essen, während die andere Gruppe zur Fahrt nach Katzenstein und Dischingen aufbrach. Glücklicherweise war der Ablauf so großzügig geplant, dass nach der zweiten Essensrunde und der Rückkehr des Busses aus Dischingen noch ausreichend Zeit blieb, um sich auf dem Betriebsgelände und in der Fahrzeughalle der Museumsbahn umzusehen:

Neben dem Dampfzug mit der Original-Härtsfeldbahn-Lok 12 von 1901 und drei Personenwagen unterschiedlicher Herkunft standen dort noch der Triebwagen T 33, ein von Auwärter 1964 auf dem Untergestell eines vierachsigen Wismarer-Triebwagens von 1934 aufgebautes Fahrzeug, mit Beiwagen und die einzigartige Jung-Drehgestell-Diesellok von 1954 mit dem Namen „Jumbo“. Letztere war vom Hersteller als Prototyp einer erhofften Serienproduktion für Südamerika gebaut und auf der Hannover-Messe ausgestellt, worden. Als sich der Auftrag zerschlug, kam sie mit einer Schwestermaschine zu einer finnischen Werksbahn und später zur Luzern-Stans-Engelberg-Bahn, die sie vor einigen Jahren an die HMB abgab. In der Fahrzeughalle wird neben der zweiten B h2t Lok Nr. 11 auch der MAN-Triebwagen T 37 aus dem Jahre 1960 aufgearbeitet. Dieses Fahrzeug hat die Härtsfeldbahn 1964 von der Südharzeisenbahn erworben, nachdem die beiden ersten, 1956 von Fuchs gebauten Triebwagen T 30 und 31 Opfer eines Frontalzusammenstoßes geworden waren.

Dann folgte um 14.45 Uhr das, was man wohl als eigentlichen Höhepunkt unserer Tagesfahrt bezeichnen kann: Eine Fahrt mit dem Dampfzug auf der wieder aufgebauten, 3 km langen Strecke bis zur derzeitigen Endstation Sägmühle. Das Besondere war hier, dass die Fotografen unter uns nicht nur die üblichen Fotogelegenheiten an den Halten Steinmühle und Sägmühle bekamen, sondern dass sie zwischen diesen Haltepunkten unter Führung von Jürgen Ranger auf einer halbstündigen Wanderung am Waldrand entlang mehrere vorzügliche Fotostandorte parallel zur Strecke erreichen konnten. Bevor von Sägmühle aus nach Umsetzen der Lok die Rückfahrt nach Neresheim angetreten wurde, konnte man auf diese Weise auch den Standort des seinerzeit einzigen größeren Industriebetriebs an der Bahn, die Härtsfeldwerke, in Augenschein nehmen. Dabei handelte es sich um ein Kalk- und Zementwerk, das sein Rohmaterial aus mehreren, heute noch erkennbaren, wenngleich überwachsenen Steinbrüchen am westlichen Talabhang gewann. Bremsbahnen transportierten die Steine talwärts zu den Verarbeitungsanlagen, die auf einer vor Ort aufgestellten Tafel zu sehen sind und offenbar durchaus größeres Ausmaß hatten. Dieselbe Tafel zeigt auch das innerbetriebliche, ebenfalls umfangreiche Bahnnetz. Mit der Schließung des Betriebs im Jahre 1966 verlor die Härtsfeldbahn ihren einzigen bedeutenden Industriekunden.

Erwähnt werden sollen an dieser Stelle auch noch die drei Wagen des Dampfzuges, die auch unterschiedliche Bauarten und Komfortklassen repräsentieren sollen: Zwei-, Drei- und Vierachser. Der Verfasser ist im Zweiachser, einem ehemaligen Vorstellwagen der Stuttgarter Zahnradbahn, gefahren, der von den Vereinsmitgliedern mustergültig restauriert wurde (die hölzerne Innenausstattung hat hohes handwerkliches Niveau!), dessen Laufeigenschaften aber postkutschenähnlich sind. Da waren die Vierachser der alten Härtsfeldbahn offenbar sogar komfortabler.

Nach einer weiteren Pause, die einige gern zur Einkehr in einem Café im nahegelegenen Ortskern von Neresheim nutzten, bestand nun noch die Gelegenheit zur Fahrt in dem weiter oben erwähnten Triebwagen T 33 und seinem Beiwagen, nun allerdings flott hin und zurück, wobei das Umsetzmanöver in Sägmühle aber doch eifrig fotografiert und gefilmt wurde. Um 18.30 Uhr ging es mit dem Riesenbus zurück nach Aalen. Dort war noch etwas Zeit, um die Fahrzeuge der Brenzbahn- und des Fuggerexpress zu beobachten, die einen derzeitigen württembergischen Modernitätsrückstand augenfällig machten (628 gegen 442). Um 19.35 Uhr verließen wir mit einem Doppelstock-RE den Bahnhof Aalen und trafen pünktlich um 20.37 Uhr wieder in Stuttgart Hbf ein, wo sich die Gruppe auf die verschiedenen Verkehrsmittel zerstreute.

Wir hatten einmal mehr das legendäre Verkehrsfreunde-Wetterglück (die Wetterfrösche hatten Regen prognostiziert, es blieb aber trocken und angenehm). Wir hatten auch Glück mit pünktlichen und nicht überfüllten Planzügen. Harald Frank hat die Fahrt bestens vorbereitet und vor Ort geleitet, und Jürgen Ranger hat uns auf höchst sympathische, engagierte und fachkundige Weise über „seine“ HMB und durch seine Heimat geführt. Die Ehrenamtlichen der Härtsfeld-Museumsbahn haben uns hervorragend betreut und uns unsere Wünsche, soweit möglich erfüllt. Ihnen allen danken wir aufs herzlichste.

Wir behalten schöne Erinnerungen an eine Bahn, die sicher das Herz jedes Eisenbahnfreundes erfreut und die ein Stück Verkehrs- und Kulturgeschichte lebendig bewahrt. Ich habe keine Hemmungen, den 2. September 2017 einen für mich glücklichen Tag zu nennen und hoffe, dass es vielen Teilnehmern auch so geht. Am Ende noch eine Empfehlung: Wenn Sie ein paar Euro über haben und etwas Gutes tun wollen, überweisen Sie der Härtsfeld-Museumsbahn eine Spende:

Empfänger:                Härtsfeld-Museumsbahn e.V.

            IBAN:                          DE08 61450050 0110015301

            BIC:                             OASPDE6A

            Verwendungszweck: Spende HMB

So kann der Weiterbau am ehesten gesichert werden. Jede Spende ist für die Ehrenamtlichen eine Bestätigung und Ermutigung.

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