VERKEHRSFREUNDE STUTTGART E.V.
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Sonntag, 30.08.2015 – Ferienprogramm: Zahnraddampflok 97 501 unter Dampf in Reutlingen-West hautnah erleben

Rückblick von Rüdiger Frey

Aufnahmen von Harald Frank

Schon lange währte der Wunsch, der wieder betriebsfähigen Zahnraddampflok 97 501 einen Besuch abzustatten. Ziel dieser Veranstaltung war es, diese außergewöhnliche Lok, anders als an den öffentlichen Fahrtagen einmal „hautnah“ zu erleben. So bot es sich an, sie in ihrer Heimat in Reutlingen West zu besuchen.

Auch wenn die ersten Anmeldezahlen noch recht übersichtlich waren, mussten noch vor dem geplanten Anmeldeschluss „Sonderleerungen“ unseres Postfaches eingelegt werden. Bis zur sprichwörtlich letzten Minute kamen Anmeldungen bei uns an.

86 Teilnehmerinnen und Teilnehmer folgten dann dem „Aufruf“ unseres stellvertretenden Vorsitzenden Harald Frank und machten sich bei hochsommerlichen Temperaturen mit dem Regionalexpress RE 19221 um 12.31 Uhr mit Fahrziel Ulm auf den Weg. In Plochingen wechselten wir auf eine Regionalbahn mit Fahrziel Tübingen. Der guten Stimmung konnte auch die ausgefallene Klimaanlage in einem der zwei RS1 nichts abhaben. Gegen 13.30 Uhr erreichten wir den Bahnhof Reutlingen West und staunten nicht schlecht, als am selben Bahnsteig schon unser „Anschlusszug“ zu den „Freunden der Zahnradbahn Honau-Lichtenstein e.V.“ bereit stand. Die heiß ersehnte 97 501 samt Personenwagen sorgte mit zwei Pendelfahrten für den Transfer zum nahe gelegenen Betriebsgelände des Vereins.

Das Vereinsgelände enthält noch so manche Schätze, die auf eine Aufarbeitung warten. Neben mehreren Donnerbüchsen und allerhand weiterer Fahrzeuge stehen auch noch Schienenbusse der Baureihe VT 97 auf dem Gelände, die eigens für die ehemalige Zahnradbahnstrecke konstruiert wurden, während die beiden dazu gehörenden Steuerwagen schon betriebsfähig aufgearbeitet wurden.

Nach einem kurzen Aufenthalt wurden die Teilnehmer in zwei Gruppen aufgeteilt. Während die erste sich im Lokschuppen mit reichlich Speis‘ und Trank versorgte und dabei in einem Bildervortrag aus erster Hand über die Geschichte der Vereinslok informiert wurde, machte sich die zweite Gruppe zu einer Fahrt auf dem wenige Kilometer langen Industriegleis nach Betzingen auf. Diese Strecke ist das letzte Relikt der 1902 von der Badischen Lokal-Eisenbahnen (B.L.E.A.G.) eröffneten Gönninger Bahn. Die später von den Württembergischen Nebenbahnen (WN) betriebene Nebenbahn Reutlingen – Gönningen besaß als Besonderheit in Gomaringen einen Kopfbahnhof (den zweiten Kopfbahnhof nach Stuttgart in Württemberg!). Bis 1985 stellte die Württembergische Eisenbahn-Gesellschaft (WEG) den Betrieb schrittweise ein. Im Rahmen der Regionalstadtbahn Neckar-Alb soll auf teilweise neuer Trasse eine Verbindung von Reutlingen über Gomaringen zur Zollernbahn bei Nehren gebaut werden. So erhielte auch Gomaringen, wie die Landeshauptstadt, einen neuen Durchgangsbahnhof.

Schon auf den Gelände der Stadtwerke war ein Halt eingeplant. Hier steht noch eines der letzten Relikte der 1974 eingestellten Reutlinger Straßenbahn unter einem Zeltdach. Sicher haben schon viele Verkehrsfreunde das Denkmal aus dem Zug gesehen, doch richtig dort waren wohl die Wenigsten. Obwohl viele der Fahrzeuge nach der Stilllegung zur weiteren musealen Erhaltung an Straßenbahnfreunde und Vereine abgegeben wurden, überlebten bis in die heutige Zeit doch recht wenige Wagen. Umso erfreulicher ist es, dass dieser Zug mit noch aus der Eröffnungs- bzw. Dampfbahnzeit stammenden Beiwagen bei den Stadtwerken erhalten geblieben ist und daran erinnert, dass Reutlingen einmal zwei getrennte Straßenbahnbetriebe hatte.

Der Bau der Lokalbahn von Eningen nach Reutlingen, der Keimzelle der in späteren Zeiten von der Württembergischen Eisenbahn-Gesellschaft (WEG) betriebenen Straßenbahn von Eningen nach Betzingen, war übrigens der Tatsache geschuldet, dass beim Bau der Echaztalbahn Eningen „links“ liegen gelassen wurde.

Nun ging es auch schon mit der Zuglok und unserem ehemals österreichischen Spantenwagen nach Betzingen weiter. Hier konnten die Teilnehmer in Sichtweite des ehemaligen Überführungsbauwerks der der schon erwähnten Strecke Reutlingen – Gönningen nicht nur Aufnahmen machen, sondern auch das faszinierende Zahnradtriebwerk in Aktion erleben.

97 501 wurde 1922/23 von der Maschinenfabrik Esslingen an die Deutsche Reichsbahn als Ersatz für die veralteten Zahnradbahnloks der Reihe Fz geliefert. Vermutlich geht ihre Entwicklung jedoch noch auf die königlich württembergische Zeit zurück. Ab 1955 unterstützten sie auch neu beschaffte Schienenbusse der Baureihe VT 95 auf der Strecke Reutlingen – Schelklingen. Während 97 502 und 504 noch in den 1950er Jahren eine umfangreiche Hauptuntersuchung bekamen, wanderte 97 501 in den Reservedienst. Nach der Übernahme des Verkehrs durch hier eigens für die Zahnradbahn beschaffte Schienenbusbaureihe VT 97, konnten die noch drei verbliebenen Loks ausgemustert werden. Während 97 502 vom Hersteller zurück gekauft wurde, gelangte 97 501 nach Zwischenstationen in Tübingen und Horb 1972 als Denkmal nach Münsingen. Aber auch hier war ihr kein langes Leben beschieden. Schon 1978 wurde sie an einen Privatmann in der Nähe von Passau verkauft und sollte an die bayerische Zahnradbahn Obernzell – Wegscheid erinnern.

1985 kauften die neugegründeten Freunde der Zahnradbahn Honau-Lichtenstein e.V. die Maschine. Sicher ahnte damals keiner der Mitstreiter, dass die betriebsfähige Aufarbeitung bis ins Jahre 2012 dauern würde. Der Aufwand hat sich für diese technisch hochinteressante Lok gelohnt. Nicht umsonst sind über 50 Jahre nach Abstellung der mit 850 PS stärksten Zahnraddampflokbaureihe, die je in Deutschland im Einsatz war, noch 75% des ehemaligen Bestands erhalten: Neben „unserer“ 97 501 sind dies

                        97 502 im Eisenbahnmuseum in Bochum-Dahlhausen und

                        97 504 im Deutschen Technikmuseum Berlin.

Nach diesem kleinen Ausflug in die Geschichte kehren wir zurück zu unserem Ferienprogramm: Von Betzingen ging es mit einem Fotohalt und einer Scheindurchfahrt zurück nach Reutlingen West. Begleitet wurden wir übrigens von einem Kamerateam des SWR. Ende des Jahres wird hierzu ein Beitrag in der Sendung „Eisenbahn-Romantik“ gesendet, der neben der 97 501 auch der Schmalspurbaureihe Tssd und der württembergischen T3 gewidmet ist. Nach dem Wechsel der Gruppen war am späten Nachmittag auch schon wieder die Rückfahrt in Sichtweite. Schön stand die Lok unter dem Hausberg Reutlingens, der Achalm im Sonnenlicht und träumte davon, einmal wieder durch das Echaztal zu dampfen, um dann die Steilstrecke von Honau nach Lichtenstein in Angriff zu nehmen. Wenn es nach den Freunden der Zahnradbahn Honau-Lichtensein e.V. geht, soll dies irgendwann einmal Wirklichkeit werden. Lassen wir uns überraschen, was die Zukunft und die Pläne der Regionalstadtbahn Reutlingen – Tübingen bringen, die auch diesen Abschnitt im Visier eines möglichen Wiederaufbaus haben.

Nun wurden die Teilnehmer wieder in zwei Fahrten zu dem wenige Meter entfernten Bahnhof Reutlingen West gebracht. Nach einem letzten Blick auf den Museumszug und den Arbeitsvorrat des Vereins, ging es in der uns schon bekannten und bestens gewärmten RS1-Einheit Richtung Plochingen zurück. Mit einem Umstieg in den Regionalexpress nach Stuttgart endete unsere diesjährige Ferienveranstaltung. Unser Dank gilt den Freunden der Zahnradbahn Honau-Lichtenstein e.V. (ZHL) für die gelungene Durchführung und die gut vorbereitete Verköstigung und natürlich auch unserem Organisator Harald Frank.

Verkehrsfreunde Stuttgart e.V.

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