VERKEHRSFREUNDE STUTTGART E.V.
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28.06.2014  Elektrisch durch Bayern – Mit dem ET 440 über Ingolstadt zu Agilis nach Regensburg und mit dem alex und Fuggerexpress über München und Ulm zurück

DB 440 und agilis 440 in Ulm Hbf "Bayrischer Bahnhof" - Aufnahme: Rüdiger Frey.
Ankubft im agilis-Werk Regensburg. Aufnahme: Rüdiger Frey
agilis-Zweiwegefahrzeug im Werk Regensburg - Aufnahme: Rüdiger Frey.
Agilis 440 in Regensburg Hbf - Aufnahme: Rüdiger Frey.
ALEX mit Zusatzwagen nach München - AUfnajme: Rüdiger Frey.

Rückblick von Dr. Peter Hartmann

Der PR- oder CI-Experte, der für die neu gegründete Tochtergesellschaft der Hamburger Hochbahn AG (welch ein schöner verständlicher Name!) einen zeitgeistig inspirierten Titel gesucht hat, muss altphilologisch gebildet gewesen sein: „Agilis“ ist ihm als Firmenname eingefallen, und offenbar hat er seine Oberen davon überzeugen können, dass das ein zündender oder, wie man es heute gern hat, „dynamischer“ Name für das Unternehmen wäre, das 2008 die Ausschreibung des sogenannten „Regensburger Sterns“ gewonnen hat. Der Verfasser hat in seinem alten lateinischen Schulwörterbuch nachgesehen, und ist fündig geworden: „agilis“ = beweglich, rührig. Um bei den alten Römern zu bleiben: „nomen est omen“. Nehmen wir also an, dass diese selbstgewählte Charakterisierung auch wirklich auf das neue Unternehmen zutrifft, das seit nunmehr rund 3 ½ Jahren den regionalen Schienenpersonenverkehr auf den elektrifizierten Linien Neumarkt – Regensburg – Passau, Regensburg – Landshut und seit 2 ½ Jahren auch zwischen Ulm und Regensburg betreibt.

Wenn ich allerdings an dieser Stelle die verwickelten Beteiligungsstrukturen zwischen der Mutter- und den Tochter- bzw. Enkelin-Gesellschaften HHA (eben der Hamburger Hochbahn AG), BeNEX (steht angeblich für „better nexus“) und den beiden (!) Agilis-Gesellschaften erklären sollte, wäre eine Seite des Rundschreibens voll. Lassen wir das und beschränken uns darauf, dass es eine Agilis Eisenbahngesellschaft (AE) und eine Agilis Verkehrsgesellschaft (AV) gibt. Letztere betreibt seit 2011/2012 mit Regio-Shuttle-Triebwagen das sogenannte Dieselnetz Oberfranken zwischen Bad Steben, Weiden, Bamberg und Bad Rodach, mit der ersteren hatten wir es auf unserer, von Gerhard und Jörg Schnaitmann in gewohnter Präzision organisierten samstäglichen Exkursion in die oberpfälzische Metropole Regensburg zu tun. Beide Gesellschaften bilden einen Teil des HHA-Geschäftsfeldes außerhalb der Hansestadt, zu dem auch die Cantus Verkehrsgesellschaft Kassel, die Metronom Eisenbahngesellschaft Uelzen sowie die Nordbahn Eisenbahngesellschaft Kaltenkirchen und die Ostdeutsche Eisenbahn Parchim gehören. Die AE beschäftigt derzeit 140 Mitarbeiter und hat einen homogenen Fahrzeugpark von insgesamt 26 drei- und vierteiligen Elektrotriebwagen des Typs Alstom Coradia Continental, die in einer eigens neu gebauten Werkstättenanlage in Regensburg unterhalten werden.

Nach diesem philologischen, verkehrspolitischen und kommerziellen Vorspann begeben wir uns auf die Reise nach Regensburg und München. Diese begann bereits um 8:02 Uhr im IRE nach Lindau, was auch nicht verwunderlich ist, wenn man die geplante große Rundreise von 678 km Länge nur mit Regionalzügen zurücklegen will und in Regensburg auch noch fast 4 Stunden für Besichtigungen und Mittagessen eingeplant hat. Mit Umsteigepausen waren es denn auch fast 9 Stunden Fahrzeit. Manch einer war wohl mit relativ leerem Magen zum Stuttgarter Hauptbahnhof geeilt, konnte das versäumte Frühstück nun aber mit Brötchen, Kuchen und Kaffee aus Familie Schnaitmanns wohlgefülltem Proviantcontainer nachholen. Überflüssig zu erwähnen, dass wir reservierte Plätze vorfanden und von Gerhard Schnaitmann in gewohnter Manier zum Nachfassen animiert wurden. War die rund einstündige und bequeme Fahrt bis Ulm schon etwas Routine, betraten viele, wenn nicht die meisten, der inzwischen 57 Teilnehmer dort aber Neuland.

Damit ist nicht so sehr das Überschreiten der Grenze zum Freistaat jenseits der Donau gemeint, sondern zum einen das Fahrzeug, zum anderen die Strecke. Wie bereits erwähnt, setzt die Agilis Eisenbahngesellschaft nur hochmoderne Niederflurtriebwagen vom Typ Alstom Coradia (alias DB 440) ein, und nach rund 30 km wechselte der Zug in Neuoffingen von der gewohnten Magistrale Stuttgart – München auf die, 1873–76 eröffnete und in den 1970er-Jahren elektrifizierte eingleisige Donautalbahn über Donauwörth und Ingolstadt nach Regensburg. An Wochenenden verkehren die Agilis-Züge zeitweise als Eilzüge mit „nur“ 14 Zwischenhalten, was eine Fahrzeitersparnis von 50 Minuten (2:36 h statt 3:26 h) und eine Durchschnittsgeschwindigkeit über die Gesamtstrecke von 78 km/h zur Folge hat.

Diese Tatsache hatte Gerhard Schnaitmann nach eigenem Bekunden auch auf das realisierte Fahrtprogramm gebracht. Die Fahrgäste konnten sich von den guten Laufeigenschaften der neuen Triebwagen und ihrem erstaunlichen Beschleunigungsvermögen überzeugen, das – neben dem guten Streckenzustand – solche Reisezeiten möglich macht. Der lange Jahre mit den DB 425 geplagte Verfasser vermerkte diese Tatsache mit Bewunderung. Nicht so begeisternd war hingegen, dass unsere Privatbahn, wie auch die DB, gern auf den zu erwartenden Fahrgastandrang an diesem Samstagvormittag keine Rücksicht nahm und einen dreiteiligen Triebwagen mit 200 Plätzen einsetzte, der angesichts unserer Gruppe in Richtung Regensburg zunehmend überfüllter wurde. Laute, sagen wir verständnisvoll: fröhliche, junge Leute trugen zusätzlich dazu bei, dass viele dann in Regensburg doch froh waren, den Zug verlassen zu dürfen.

Dabei war die durchfahrene Landschaft es wirklich wert, beschaulich wahrgenommen zu werden. Anders als vielleicht erwartet, ist das Donau-„Tal“ weitgehend eine flache, allenfalls leicht wellige Landschaft, von den Auswüchsen der Zivilisation eher verschont, mit hübschen, kleinen, von Zwiebelturmkirchen überragten Ortschaften und weiten Getreidefeldern. In Donauwörth und vor allem Ingolstadt wird die eingleisige Strecke von ausgedehnten Bahnhofsanlagen aufgenommen, die dem Interessierten einiges bieten. In Ingolstadt passiert man umfangreiche und offenbar gut genutzte Güterverkehrsanlagen, das Audiwerk und mehrere Raffinerien sorgen für starkes Frachtaufkommen.

Auch im weiteren Verlauf erkennt man bei Vohburg, Neustadt an der Donau und Saal (Kelheim) Anschluss- und Übergabegleise zu Mineralöl- und Chemiewerken. In Ingolstadt wird die Fahrtrichtung gewechselt, der Agilis-Triebwagen hat hier planmäßig 14 Minuten Aufenthalt, Regionalzüge aus Augsburg, Treuchtlingen und München vermitteln gegenseitige Anschlüsse. Etwas erstaunlicher ist schon, dass auch der ICE München – Hamburg hier planmäßig 7 Minuten Aufenthalt hat (in unserem Fall war er offenbar schon einige Minuten zu früh eingetroffen, die Zugbegleiter(innen) warteten geduldig auf dem Bahnsteig, dass es weiterging, die Raucher qualmten zufrieden). Ein Blick in den Eisenbahnatlas zeigt im Übrigen, dass die Donautalstrecke zwischen Weichering und Ingolstadt Hbf 1990–95 nach Süden in ihre heutige Lage verlegt worden ist und früher von Norden in den Bahnhof kam, was das Kopfmachen in Richtung Regensburg ersparte.

Pünktlich kurz vor 12 Uhr wurde Regensburg Hbf erreicht. Der Triebwagen fuhr noch 25 km weiter bis Eggmühl, unsere Gruppe verließ den Zug, um sich sogleich nach Interessenlage zu teilen: Die große Mehrheit wurde von einem Agilis-Triebwagen in das östlich vom Hauptbahnhof gelegene Werkstattgelände gebracht, immerhin 12 Teilnehmer(innen) schlossen sich jedoch einer knapp zweistündigen Führung durch die Regensburger Altstadt an. Der Verfasser hat an dieser Führung teilgenommen, hat sich aber von den Besuchern der Werkstatt berichten lassen, dass es sich um eine eindrucksvolle hochmoderne Anlage handelt und dass deren Leitung sich in jeder Weise freundlich und auskunftsbereit um die Verkehrsfreunde-Gruppe gekümmert hat. Die neugebaute Halle hat außer einer abgeteilten Waschanlage zwei Werkstattgleise, die je einen kompletten Vierwagen-Zug aufnehmen können: Eins davon hat eine Grube sowie eine Arbeitsbühne, von der aus die Wartung und Reparatur der elektrischen Geräte auf dem Wagendach erfolgt, das andere ist mit Hubvorrichtungen zum Wechseln kompletter Drehgestelle ausgestattet. Ein kurzes drittes Gleis dazwischen dient der Lagerung der Ersatzdrehgestelle. 17 Personen sind in der Werkstatt in zwei Schichten beschäftigt. Bemerkenswert ist, dass von den 26 Triebwagen 24 planmäßig im Einsatz sind, also normalerweise nur an zweien gearbeitet werden kann. Offenbar funktioniert der Betrieb mit dieser geringen Reservekapazität. Unsere Führer wiesen darauf hin, dass man angesichts der homogenen Altersstruktur der Fahrzeuge nicht bis zu Fälligkeit der Hauptuntersuchung warten kann, weil dann die Werkstattkapazität völlig überlastet wäre, sondern dass man bereits früher als eigentlich notwendig damit beginnen muss, um den Vorgang über einen größeren Zeitraum zu verteilen.

Die mehr touristisch Interessierten wanderten mit einer Führerin am Schloss und Park der Fürsten von Thurn und Taxis vorbei in die Innenstadt. Diese – wenn man so sagen darf - „bayerische Frohnatur“ widmete sich zunächst mehr den Festivitäten und dem Lebensgefühl in der drittgrößten bayerischen Stadt als den harten historischen Fakten und kunstgeschichtlichen Details, was den Interessen der kleinen Gruppe sicher auch entgegenkam. Die offenbar in Regensburg sehr populäre Fürstin Gloria wurde samt der Events auf dem Schlossareal behandelt, dann aber auch die barocke Kirche St. Emmeram besichtigt, die zum ehemaligen gleichnamigen Kloster gehört, auf dessen Areal sich das Thurn- und Taxische Schloss befindet. Weiter führte der Spaziergang durch enge, malerische Altstadtgassen zum Rathaus, in dem von 1683 bis zum Ende des Alten Reiches 1806 der sogenannte Ewige Reichstag tagte. Hier erfuhren wir einiges zur Stadtgeschichte: vom römischen Castrum Regina über die mittelalterliche Handelsstadt am Umschlagplatz der Donauschiffe, den „Dornröschenschlaf“ in dem die vormals reiche Stadt versank, als durch die Türkeninvasion der Donauhandel zum Erliegen kam, bis zur wirtschaftlichen „Wiederauferstehung“ im 20. Jahrhundert als Industrie- und Universitätsstadt. Ein kurzer Besuch im gotischen Dom mit seinen herrlichen Glasfenstern beschloss den Rundgang.

Wir hatten einen sehr schwülen Tag in Regensburg erwischt, und so waren nach den Besichtigungsprogrammen alle erleichtert und froh, als wir uns im Biergarten des „Kneitinger Kellers“ einige hundert Meter hinter dem Bahnhof wiedertrafen und im angenehmen Schatten von Kastanienbäumen unser Mittagessen genießen konnten. Der Verfasser hat bayerischen Schweinebraten mit Kartoffelklößen und Krautsalat samt örtlichem Bier in bester Erinnerung, es gab aber auch weniger deftige Alternativen.

Um 15:46 Uhr begann die Rückreise, als die Gruppe den von Hof gekommenen und über Landshut nach München Hbf weiterfahrenden ALX 84115 bestieg. Das Alex-Verkehrsunternehmen demonstrierte hier, dass es auch anders geht: In Regensburg, wo der Zug Kopf macht, wurde ein Extrawagen (mit Reservierungsschildern!) zugestellt, in dem wir alle Platz fanden. Ein flexibler Wagenzug hat gegenüber den heute allgegenwärtigen festen Triebwageneinheiten eben auch seine Vorzüge. Über den Reisekomfort konnte man sich in diesem Zug wirklich nicht beklagen: Man fühlte sich in einen klassischen Schnellzug zurückversetzt, durch den Umbau ehemaliger DR-1. Klasse-Wagen in eine gepflegte 2. Klasse mit 10 Abteilen pro Wagen und stoffbezogenen Einzelsitzen wurden diese deutlich aufgewertet. Auch Laufkomfort und Geschwindigkeit konnten sich sehen lassen, denn die 138 km wurden bei drei Zwischenhalten in 1 ½ Stunden mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 92 km/h zurückgelegt – was praktisch der Leistung eines IC auf vergleichbarer Strecke entspricht (zum Beispiel: Stuttgart – Nürnberg 93 km/h)!

Von München nach Stuttgart ging es nun wieder gemächlicher, weil mit vielen Zwischenhalten und einem 34-minütigen Umsteigevorgang in Ulm, zurück nach Stuttgart: zunächst in einem Zugteil des ebenfalls aus Triebwagen der BR 440 gebildeten „Fugger-Express“ (mit Flügeln Augsburg – Treuchtlingen / Aalen) nach Ulm, von dort auf der „Württembergischen Ostbahn“ in einem RE bis Stuttgart Hbf.

Um 21:28 Uhr endete dort ein langer, gleichwohl sehr erlebnisreicher und interessanter Tag auf der Schiene, der uns Einblicke in die gegenwärtige bayerische Eisenbahnlandschaft ermöglichte – nicht zuletzt aber auch das Lokalkolorit einer dynamischen und lebensfrohen bayerischen Stadt mit reichem kulturellen Erbe vermittelte. Unser Dank gilt einmal mehr Gerhard Schnaitmann und seiner Familie, die uns diese originelle und gut gestaltete Exkursion ermöglicht haben.

 

 

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