VERKEHRSFREUNDE STUTTGART E.V.
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Samstag, 26.09.2015, Rundfahrt durch den Hafen Stuttgart

Rückblick von Rüdiger Frey

Aufnahmen von Harald Frank

Wenn ich Ihnen heute erzähle, dass es in Stuttgart noch rund 30 km Gleisanlagen gibt, die die Verkehrsfreunde Stuttgart e.V. noch nie bereist haben, werden Sie sicher ungläubig den Kopf schütteln, nachdem es in Baden-Württemberg sicher keinen Meter Gleis mehr gibt, den wir nicht schon befahren haben. In der Tat hat unser Ehrenmitglied Gerhard Schnaitmann neues Terrain für die Verkehrsfreunde Stuttgart e.V. ausfindig gemacht, umso bemerkenswerter noch im Stadtgebiet von Stuttgart.

Nicht weniger als über 140 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus nah und fern nach Stuttgart. Sie  fanden sich am späten Vormittag am uns schon bekannten Gleis 2 im Bahnhof Stuttgart-Untertürkheim ein; um es genauer zu sagen, scheuten einige Teilnehmer nicht einmal die Anreise aus Lübeck, Weimar, Grimma, Passau, Köln oder auch der Schweiz.

Kurz vor der geplanten Abfahrt machte unser Triebwagen VT 411 samt Steuerwagen VS 201 der Schwäbische Alb-Bahn GmbH (SAB) lautstark auf sich aufmerksam, doch ließ er uns zuerst rechts liegen. Am „Steuer“ unser Ehrenmitglied Kurt Retter, der den Zug wegen einer defekten Weiche zuerst noch über den Rangierbahnhof Untertürkheim umsetzten musste.

Nach dem Einstieg ging es auch schon in gemächlicher Fahrt in Richtung Neckarhafen. Dieser wurde in zwei Abschnitten von 1954 bis 1958 und von 1966 bis 1968 erbaut. Er erstreckt sich über eine Fläche von 99 ha, die Hafenbahn misst eine Gesamtlänge von 33 km. Im Hafen stehen drei Containerumschlaganlagen zur Verfügung, zwei davon für Schiene/Straße, eine dritte als sogenannte „trimodale“ Anlage (Wasser/Schiene/Straße). Erstes Ziel war der Kai B am Hafenbecken 1 (den Stuttgartern eher als Mittelkai bekannt). Hier konnte unser Sonderzug eindrucksvoll mit einem niederländischen Frachter auf dem Neckar und den Lagerhallen in Szene gesetzt werden. Nachdem der Zug einige Male die Position gewechselt hatte, ging es nun zu Kai C am Hafenbecken 2. Dicht folgten wir einer Voith Maxima 30 CC der SBS (Stuttgarter Bahnservice) und stellten unseren Sonderzug nun hier in Sichtweite der Maxima und einer abgestellten Köf 2 wieder ins rechte Licht.

Mit etwas Verspätung folgten wir dem Hafenbecken 3, dem sogennaten Ölhafen bzw. dem, was davon noch übrig geblieben ist, und überquerten anschließend den Neckar auf einer recht imposanten Betonbrücke. Erst mit dem Bau dieser zusätzlichen Brücke über den Neckar und die Bundesstraße 10 wurden die Gleisanlagen westlich und östlich des Neckars innerhalb des Hafens verbunden. Dies war ursprünglich nur über das Daimler-Gelände möglich. Ziel war nun das Hafenamt, wo wir unsere Mittagspause einlegten. Hier möchten wir ganz besonders der ganzen Familie Schnaitmann unseren Dank aussprechen. Mit Gulaschsuppe, Fleischküchle, Spätzle und Kartoffelsalat konnte wohl jeder Hunger gestillt werden. Auch Kaffee und Kuchen gehörten zum Sortiment, das uns neben Getränken dargeboten wurde.

Nehmen wir die Zeit des Mittagessen zum Anlass, uns die beiden Fahrzeugen einmal näher anzuschauen. Mit den attraktiven Farben der Schwäbische Alb-Bahn GmbH (SAB) sind diese uns bestens bekannten Fahrzeuge kaum wieder zu erkennen. VT 411, erbaut 1981 von der Waggon Union in Berlin, war einst für die Württembergische Nebenbahnen AG (WN) auf der Strohgäubahn unterwegs. Fast auf den Tag genau vor 33 Jahren, am 25. September 1982, unternahmen die Verkehrsfreunde Stuttgart e.V. die erste Sonderfahrt mit diesem damals neuen Triebwagen. Von Korntal ging es damals über die württembergische Schwarzwaldbahn vorbei an Weil der Stadt und Althengstett nach Calw. Weiter ging die Fahrt dann über Pforzheim, Karlsruhe und Ettlingen-West nach Bad Herrenalb. Ziel waren die  bei der Albtalbahn in Erprobung befindlichen Stuttgarter Stadtbahnwagen DT8. Auch damals fanden die Grundsätze unseres Ehrenmitglieds Dr. Dieter Ludwig ihre Anwendung: Umsteigefrei ans Ziel.

In vier Serien wurde der NE 81 Ende der 1970er Jahre von O&K zusammen mit den Württembergischen Nebenbahnen (WN), die 1984 in der Württembergischen Eisenbahn-Gesellschaft (WEG) aufgingen, der Südwestdeutschen Verkehrs-Aktiengesellschaft (SWEG) und der Kahlgrund Verkehrs-GmbH (KVG) entwickelt. Durch die Verwendung von Teilen aus dem LKW- und Omnibusbau konnte ein für die damaligen nichtbundeseigenen Eisenbahnen wirtschaftliches Fahrzeug entstehen, das auch im Güterverkehr als Schlepptriebwagen einsetzbar war. Das Akronym NE81 steht daher auch für Nichtbundeseigene Eisenbahnen und das erste Baujahr 1981. Da der Westberliner Werksteil von O&K mittlerweile den Schienenfahrzeugbau aufgab, baute die Waggon Union in Berlin die Fahrzeuge. Spätere Serien fertigte dann ABB. In 13 Jahren wurden so 26 Triebwagen, 14 Steuerwagen und drei Beiwagen hergestellt, übrigens alle für süddeutsche Bahnen. Er gilt auch als Vorgänger des RS1 (Regio Shuttle) aus dem gleichen Haus, mit dem einige Fahrzeuge auch kompatibel einsetzbar sind.

Nach Stationen bei der WN bzw. der WEG Strohgäubahn Korntal – Weissach, der NOB-Strecke Niebüll – Tondern (DK) und der WEG-Tälesbahn Nürtingen – Neuffen verbringt VT 411 zusammen nun mit den Schwesterfahrzeugen seinen „Lebensabend“ im Schüler- und Ausflugsverkehrs auf der Schwäbischen Alb.

Der Steuerwagen VS 201 stammt aus der zweiten Lieferserie von 1985. Ursprünglich gehörte er der Südwestdeutschen Verkehrs-Aktiengesellschaft (SWEG), Verkehrsbetrieb Kraichtal, an. Nach Übernahme der Strecken Bruchsal – Menzingen/Odenheim wechselte er als VS 470 zur Albtal-Verkehrsgesllschaft (AVG).

Nach einem Verkauf an die WEG folgten Einsätze bei der Strohgäu- und Tälesbahn. Mit der Abstellung 2013 wechselte er ebenfalls auf die Schwäbische Alb und ist nun im Bw Münsingen beheimatet. Auch wenn es ein speziell für Privatbahnen konstruierter Fahrzeugtyp war, wurde er über kurze Zeit – nach Übernahme der Fahrzeuge von der Kahlgrund Verkehrs-GmbH (KVG) durch die Westfrankenbahn – auch bei der DB AG als Baureihe 626/926 geführt. Viele Verkehrsfreunde werden sich noch an die Sonderfahrt im Juli 2007 zur Madonnenlandbahn und an den Main erinnern.

Wangen. Diesen Abschnitt hatten die Verkehrsfreunde Stuttgart e.V. schon einmal in den 1990er Jahren mit einem DB-Wendezug befahren. An den noch erkennbaren Gleisresten konnte man erahnen, wie umfangreich einst die Gleisanlagen in diesem Bereich waren. Längst sind die Zeiten vorbei, dass der Gleisbauhof der SSB noch Anschluss an das Gleisnetz der „großen weiten Welt“ hatte. Das Anschlussgleis am Großmarkt war – wenn auch ohne Nutzung – gut zu erkennen. Welch immenser Güterverkehr per Bahn hier einst herrschte, kann man sich gut an der Anzahl der hier stehenden LKWs ausrechnen.

Gemächlich ging nun die Fahrt weiter in Richtung Gaisburg. Auch für unseren Organisator Gerhard Schnaitmann war diese Perspektive mit Gaisburger Kirche im Hintergrund unbekannt. Bis zum letzten Meter ging die Fahrt vorbei am ehemaligen Schlachthofgelände und den Kohleentladungsanlagen des ENBW-Heizkraftwerks Stuttgart-Gaisburg, welches neben Altbach und Stuttgart-Münster die Fernwärmeproduktion unterstützt. Dieses soll aber in den nächsten Jahren durch ein neues Gas-Heizkraftwerk ersetzt werden. Vor der Einfahrt in das Gaswerksgelände in Gaisburg, direkt an der Talstraße gelegen, war nun aber Schluss. Ein Prellbock und fehlende Gleise verhinderten die Weiterfahrt auf das legendäre Gleisnetz des Gaswerks (oder wie alte Stuttgarter sagen: der Gasfabrik). Bekannt dürfte hier der jahrzehntelange Einsatz württembergischer T3 sein, die Kohlewagen vom Anschluss Gaisburg zur Kokerei im Gaswerksgelände der ehemaligen TWS (Technische Werke der Stadt Stuttgart) brachte, wo so bis 1972 Stadtgas erzeugt wurde. Auch die uns bestens bekannte württembergische T3 930 der GES schleppte ab 1931 über 40 Jahre lang Kohlenzüge vom Übergabebahnhof Stuttgart Gaisburg (Stuttgart-Ost) in die Anlage und wurde als letzte Dampflok des Gaswerks abgestellt. Viele Aufnahmen entstanden mit dem 1949 von MAN erbauten Scheibengasbehälter („Gaskessel“). Er ist der größte noch in Betrieb befindliche Scheibengasbehälter in Europa und steht als Technikdenkmal unter Denkmalschutz.

Anschließend ging es nochmals über die uns schon bekannte Strecke in Richtung Hafenamt zurück. Dieses Mal führte die Fahrt aber entlang des Hafenbeckens 1 weiter, sodass hier letztmals noch Aufnahmen mit NE81, Neckar und den typischen Hafenkränen gemacht werden konnten. Dann war es aber auch Zeit, die Rückfahrt nach Stuttgart-Untertürkheim anzutreten. Über den Neckar erreichten wir wieder den Bahnhof Stuttgart-Hafen. Da Gleis 2 des Bahnhofs Stuttgart-Untertürkheim noch von einem Sonderzug zum Cannstatter Volksfest belegt war, durften wir noch einige Minuten das Geschehen am Bahnhof Untertürkheim vom ehemaligen Rangierbahnhof aus beobachten.

Als Zulage gab es noch eine Parallelausfahrt des Volksfestsonderzuges mit 12 Reisezugwagen und der uns schon bekannten Voith Maxima mit einem Erdaushubzug. Dann hatten auch wir Einfahrt in den Bahnhof und ein erlebnisreicher Nachmittag auf bisher unbekannten Gleisen ging zu Ende.

Danken dürfen wir in erster Linie unserem Organisator Gerhard Schnaitmann. Er hat sich auch dieses Mal nicht von all den Hürden und Schwierigkeiten zurück schrecken lassen, die eine Genehmigung einer solchen Fahrt mit sich bringen. Dank auch an seine Frau Monika und Sohn Jörg für die Verpflegung und die Mitorganisation. Ebenso möchten wir unseren Dank an die Schwäbische Albbahn und unseren Lokführer Kurt Retter für die sichere Fahrt auf ungewohnten Gleisen aussprechen. Danken möchten wir aber auch dem Geschäftsführer des Hafens Stuttgart, Herrn Carsten Strähle und dem Eisenbahnbetriebsleiter Thomas Heim. Ohne diese all im Vorder- und Hintergrund wirkenden Menschen, wäre solch eine soll außergewöhnliche Fahrt niemals zustande gekommen!

Kurz nach Abfahrt unseres Sonderzuges schaute – quasi als Dreingabe – noch ein AVG-Stadtbahnwagen des Typs ET 2010 in Stuttgart-Untertürkheim sehr zur Freude mancher Fotografen vorbei.

Verkehrsfreunde Stuttgart e.V.

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