VERKEHRSFREUNDE STUTTGART E.V.
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26.04.2014 Schienenkreuzfahrt durch Berlin – Referent Frank Sender - Rückblick

Rückblick von Dr. Peter Hartmann

Wie sah die Schienenverkehrslandschaft in und um Berlin in der Zeit der deutschen Spaltung bis zum Mauerfall 1989/90 aus? Was hat sich inzwischen in den beiden wieder zusammengewachsenen Hälften der deutschen Hauptstadt getan und geändert? Was gibt es heute (seit etwa 2005) im Betriebsalltag und auf den aktuellen Großbaustellen für den Schienenverkehrsfreund zu beobachten? Welche interessanten Blicke sind heute auch wieder über die Oder-Neiße-Linie in grenznahe Regionen der früheren preußischen Ostprovinzen möglich? Auf diese Fragen wollte der von Frank Sender in Zusammenarbeit mit Peter Hartmann gestaltete Bildvortrag eine – zugegebenermaßen subjektive – Antwort geben. Die positive und interessierte Reaktion der 67 Teilnehmer an dieser unserer jüngsten Saalveranstaltung lässt auf eine gelungene und informative Darstellung schließen. Die bereits zu einem frühen Zeitpunkt formulierte Überschrift ist allerdings nur dann zutreffend, wenn man zu der räumlichen auch die zeitliche Dimension dieser „Kreuzfahrt“ im Blick hatte.

Aus dem skizzierten Inhalt ergab sich eine Dreiteilung des Vortrags (vor und bis 1989/90, 1990 bis ca. 2005 und 2005 bis heute, letzteres einschließlich einiger Fahrten ins westliche Polen). Jede Epoche war wiederum nach Fern- und Regionalverkehr, S-Bahn, U-Bahn und Straßenbahn gegliedert, und während der deutschen Teilung ergaben sich zwangsläufig unterschiedliche Betrachtungen von Ost und West. Als besonders interessantes Kapitel stellte sich der Bahnverkehr der drei Westalliierten einerseits und der sowjetischen Streitkräfte andererseits dar.

Um die Zuhörer bzw. Zuschauer mit der historisch gewachsenen Struktur des Eisenbahnnetzes in und um Berlin vertraut zu machen und dadurch ein besseres Verständnis der Epochen-Teile zu ermöglichen, hatten die beiden Autoren eine Einleitung vorgeschaltet, die die Entstehung der klassischen Berliner Kopfbahnhöfe und deren radialer Strecken zwischen 1838 und 1867, der östlichen Ringbahn bis 1871, der westlichen Ringbahn bis 1877 sowie schließlich der viergleisigen, die Stadt von West nach Ost durchziehenden, Stadtbahn bis 1882 darstellte. Zahlreiche historische Karten und Bilder der heute verschwundenen Bahnhofsgebäude ließen die frühe Berliner Bahngeschichte vor den Teilnehmern erstehen. Der Zeitraum des 20. Jahrhunderts mit der Perfektionierung und Weiterentwicklung des Netzes bis zum 2. Weltkrieg sowie die traurigen Folgen der deutschen Teilung im Kalten Krieg, die im Mauerbau von 1961 und der Zerreißung des Netzes kulminiert, wurden ebenfalls plastisch dargestellt.

Rund 340 der gut 370 Bilder verteilten sich dann auf die genannten Epochenabschnitte. Für Frank Sender war es eine Mammutaufgabe und die Qual der Wahl gewesen, aus seinem Bestand von ca. 60.000 (!) Fotos zum Thema Eisenbahn in Berlin die aussagekräftigsten und originellsten auszusuchen – ein Prozess, den er bewunderungswürdig gemeistert hat.

Es ist nicht möglich, das Bildmaterial an dieser Stelle im Detail vorzustellen. Einige, aus meiner Sicht besonders eindrucksvolle Szenen und Betriebssituationen seien aber im Folgenden erwähnt.

Bis zur „Wende“:

Die sogenannten Interzonenzüge, die die Inselstadt Westberlin mit Westdeutschland verbanden; der Westberliner „Hauptbahnhof“ Zoo mit Zügen nach West und Ost, der Traktionswandel in den 60’er und 70’er Jahren; der sich um den Ost- (später Haupt-) Bahnhof und den Bahnhof Lichtenberg konzentrierende Fernverkehr der Deutschen Reichsbahn Ost (DR), die sogenannten „Sputnik“-Züge über den südlichen Außenring sowie die Bedienung der durch die Mauer vom Berliner Zentrum abgetrennten kurzen Stichstrecken vom Außenring aus; die Folgen der Trennung 1961 für den integralen S-Bahnverkehr, die nach 1980 in der Aufgabe eines Großteils der Westberliner Strecken durch die DR kulminierte, aber auch erste Aufbauerfolge nach der Übernahme des Westberliner S-Bahnnetzes durch die städtische BVG (West); der Ausbau des U-Bahnnetzes in Westberlin bei sukzessiver Stilllegung der dortigen Straßenbahnlinien; gleichzeitig Modernisierung und Ausbau des Ostberliner Tramnetzes, nicht zuletzt durch die Beschaffung von Tatra-Vierachsern und Kurzgelenkzügen, die Notlösungen auf der isolierten einzigen Ostberliner Großprofil-U-Bahnlinie östlich des Alexanderplatzes und die getrennten Fahrzeugentwicklungen für S- und U-Bahn in Ost und West. Ein besonderes Kapitel war den Militärzügen der drei Westmächte USA (ab Lichterfelde West, u.a. Einsatz von VT 08-artigen Salontriebwagen), Großbritannien (ab Charlottenburg) und Frankreich (ab Tegel) gewidmet.

Nach der Wende – Vereinigung, Wiederaufbau, Neubau und Modernisierung:

Sanierung und Wechselstrom-Elektrifizierung der Stadtbahn; erster ICE-Anschluss über Michendorf und die Dessauer Strecke; neue Bahnhöfe in Spandau und Potsdam; das Großprojekt Berlin Hauptbahnhof an der Stelle des ehem. Lehrter Bahnhofs und der Neubau des Bahnhofs Südkreuz an der Stelle des ehem. S-Bahnhofs Papestraße; Auto-Reisezug-Terminal Wannsee; Regionalverkehr mit Doppelstock-Wendezügen über die Stadtbahn und durch den Nord-Süd-Fernbahntunnel; Wiederherstellung der Ringbahn; Fahrzeugeinsatz und -neuentwicklung bei der S-Bahn; Verbindung der westlichen und östlichen U-Bahnnetze über Gleisdreieck – Potsdamer Platz und Fahrzeugneuentwicklung für Klein- und Großprofilstrecken; neue Fahrzeuggenerationen der Straßenbahn im Osten der Stadt; das Schicksal der Tatra-Triebwagen; Trambaustelle am Hbf und ein Blick in das Straßenbahnmuseum Niederschönhausen.

Gegenwart (seit 2005)

ICE-Züge unterschiedlicher Bauarten auf der Stadtbahn und auf der Nord-Süd-Tunnelstrecke; ehem. Metropolitan-Garnituren als ICE; der Berlin-Warszawa-Express; die Züge nach Russland, Weißrussland und in die Ukraine mit ihrem Wagenmaterial; Regionalverkehr um Berlin der DB (ET 442), der Niederbarnimer Eisenbahn NEBB (VT 643), der Ostdeutschen Eisenbahn ODEG (Doppelstock-ET 445, RS VT 650); Fahrten nach Küstrin und ins polnische Hinterpommern nach Stettin, Greifenberg und Kolberg und der dortige Einsatz von gemieteten DB VT 624; das Großvorhaben Neubau des Knotenpunkts Ostkreuz und anschließender Strecken; die S-Bahn-Fahrzeug-Misere und der Notfahrplan; „Lüftungsfahrten“ der S-Bahn im unterirdischen Bahnhof am neuen Flughafen Berlin Schönefeld (BER); ein Kuriosum: “Ess-Bahn“-Currywurstbuden in Berlin und Stuttgart; 75 Jahre S-Bahn im Bahnhof Olympiastadion; Historische S-Bahn im Bw Erkner; die U-Bahn-Strecke Hauptbahnhof – Brandenburger Tor und ihre Verlängerung bis Alexanderplatz; die neue Straßenbahn-„Familie“ Bombardier Flexity Berlin mit ihren Einrichtungs- und Zweirichtungsvarianten; Abschied von den Tatra-Vierachsern (Stettin).

Als Beteiligter beim Aufbau des Vortrags und bei der Bildauswahl sowie als zeitweiliger Kommentator bin ich nicht unvoreingenommen. Ich kann aber nicht umhin, meine Bewunderung für die Dokumentationsleistung Frank Senders zum Berliner Schienenverkehr über Jahrzehnte hinweg und die Zusammenstellung des jetzt gesehenen Bildvortrags auszusprechen. Für jeden am Bahngeschehen in der deutschen Hauptstadt Interessierten brachte dieser Nachmittag im Saal der AV Alania einen höchst informativen und umfassenden Überblick über diese schier unerschöpfliche Materie und sicher auch Freude an den vielen attraktiven Fotos. Jedenfalls habe ich das so empfunden, und es wurde mir von verschiedener Seite bestätigt. Eigentlich wäre dieser Präsentation eine noch größere Verbreitung oder eine Wiederholung zu wünschen. Berlin ist nicht nur eine Reise, sondern viele Reisen wert – real und, wie hier, virtuell.

Verkehrsfreunde Stuttgart e.V.

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