VERKEHRSFREUNDE STUTTGART E.V.
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Rückblick von Rainer Vogler

25.04.2015   Auf den Spuren der VFS-Süditalien-Fahrt 2013 – 30 bis 40 Jahre zuvor –
Vortrag von Dr. Hansjürg Rohrer

Eine Zeitmaschine, mit der man in die Vergangenheit oder in die Zukunft reisen kann, ist noch nicht erfunden worden. Eine Zeitreise in die Vergangenheit ist allerdings mit Hilfe von Bildern möglich. Und zumindest auf diese Weise konnten 54 Verkehrsfreunde um bis zu 40 Jahre, also bis Anfang der 1970er Jahre, „zurückreisen“ und erlebten so eine Fahrt nach Süditalien mit einem Ablauf analog unserer Studienfahrt 2013. Unser Referent und maßgeblicher Mitorganisator unserer Studienfahrten nach Sardinien 2003 und Süditalien 2013, Dr. Hansjürg Rohrer, kann auf einen Fundus von eigenen, mittlerweile historischen Aufnahmen zurückgreifen, die bei zahlreichen Reisen seit den 1970er Jahren in ganz Italien entstanden sind. Die Bilderauswahl folgte geographisch dem Ablauf unserer Studienfahrt nach Süditalien im Jahr 2013.

Auftakt der Bilderfolge war eine Aufnahme im Bahnhof Milano Centrale, unserem Ausgangsbahnhof für die historische Reise in den Süden Italiens. Für den hochwertigen schnellen Fernreiseverkehr hatten die Ferrovie dello Stato (FS) 1959 elektrische Triebwagen der Baureihe ETR.303 „Settebello“ in Betrieb genommen – aus heutiger Sicht zeitlos elegant mit Panoramasitzen an der Spitze des Fahrzeugs. Der Lokomotivführer saß in einer zurückgesetzten, über dem Wagendach angeordneten Kanzel. Auf der Strecke entlang der Adria nach Bari begegneten uns in krassem optischem Gegensatz u.a. die Elektrolokomotive der Baureihe E.428, Baujahre ab 1934, Achsfolge 2’Bo’Bo‘2‘.

Bari war, wie heute, auch in den 1970er und 1980er Jahren Ausgangspunkt verschiedener Bahnen, deren Wagenmaterial mittlerweile weitestgehend ausgetauscht wurde. Das Verkehrsaufkommen war im Vorortverkehr auch damals beeindruckend: Bis zu sechs Fahrzeuge aneinander gekuppelt bildeten Schüler- und Arbeiterzüge auf der schmalspurigen Ferrovie Calabro-Lucane (heute Ferrovie Appulo-Lucane). Ebenfalls dokumentiert und vorgestellt wurde die regelspurige Ferrovia Bari Nord, an deren schmalspurige Vorgängerbahn der Name der heutigen Betreiberfirma Ferrotramviaria erinnert.

Ein Ausflug auf den Strecken der FSE hätte damals mit lokbespannten Wagenzügen stattgefunden, wenngleich es auch eine Schienenbus-Garnitur zu sehen gab – ein italienischer Lizenzbau der bekannten Konstruktion aus Uerdingen. Ein vierachsiger MAN-Triebwagen und früher noch zahlreich vorhandene vierachsige italienische und ehemals deutsche Personenwagen rundeten das Bild ab. Immerhin einige wenige betriebsfähiges Exemplare der aus dem Jahr 1959 stammenden Dieselloks existieren heute noch.

Die Fahrt auf der schmalspurigen Strecke von Bari nach Potenza war schon in den 1980er Jahren von teilweisen Neutrassierungen gekennzeichnet. Besonders hervorzuheben sind die damals neu beschafften Schneeschleudern, die in schneereichen Wintern helfen, den Betrieb aufrecht zu erhalten.

Etwa auf halber Strecke zwischen Potenza und Salerno befindet sich die Platano-Schlucht. Auf unserer Studienfahrt 2013 konnten wir vom Zug aus nur erahnen, wie sich die Bahnbauer mittels vieler Kunstbauten ihren Weg vom Meer ins Landesinnere bahnen mussten. Eindrucksvolle Bilder von dieser Strecke aus vergangenen Tagen ergänzten nun das Erlebte aus anderer Perspektive.

Die heute in Neapel verkehrenden schmalspurigen Vorortzüge der Circumvesuviana sind in einem Netz unterwegs, das vollständig mit Hochbahnsteigen ausgestattet ist. Die 1971 beschafften dreiteiligen Elektrotriebwagen lösten lange Wagenzüge ab, die von vierachsigen Triebwagen, aber auch von E-Loks mit Buchli-Antrieb gezogen wurden. Beide Fahrzeuggenerationen waren auf eindrucksvollen Bildern zu sehen. Auch ein kurzer Ausflug in die damals noch auf einem sehr viel umfangreicheren Netz verkehrende Straßenbahn durfte nicht fehlen.

Die Fortsetzung unserer Reise führte nun von Neapel gen Süden, stets an der Küste des Tyrrhenischen Meeres entlang. Auf langen Abschnitten verläuft diese Strecke durch die Hänge der Steilküste, direkt über dem Meer. Tunnels, Steinschlagverbauungen und Brücken wechseln sich in kurzer Folge ab. Landschaftsaufnahmen hiervon sind selten. – Wir konnten diese Strecke aus ungewohnten Perspektiven betrachten, und es wurden zudem noch Zuggarnituren gezeigt, wie es sie heute nicht mehr gibt: z.B. die Lok-Baureihe E.626, Baujahre ab 1927, eine der bekannten italienischen FS-Maschinen mit der Achsfolge Bo‘Bo‘Bo‘, die im Süden Italiens ihre letzten Einsatzjahre verbrachten. Bei den Güterzügen hat sich das Bild ebenfalls stark gewandelt: Heutige Containerzüge hatten bunt gemischte Vorgänger mit Wagen unterschiedlichster Bauarten.

Ein rund 15 km langer Tunnel, der von Paola aus Richtung Landesinnere führt, löste 1984 eine Bergstrecke ab, deren Trassierung und Betrieb schlicht spektakulär war: Zahnraddampflokomotiven und Adhäsions-Dieseltriebwagen mit Bremszahnrad wickelten zuvor den Betrieb ab. Die Strecke bildete die Verbindung nach Cosenza, wo sich der Ausgangspunkt der schmalspurigen Ferrovie Calabro-Lucane, heute Ferrovie della Calabria genannt, befindet.

Eine großartige Landschaft wird von den Ferrovie della Calabria durchquert: Unterwegs auf schmaler Spur mit spektakulären Ausblicken auf Berge und Täler konnten wir nachempfinden, wie unser Referent die Bahnen vor 30 bis 40 Jahren erlebt hat. Ein Teil der damals noch befahrenen Strecken, z.B. diejenige durch das Sila-Gebirge nach San Giovanni in Fiore mit dem höchsten Bahnhof Italiens in San Nicola Silvana Mansio (1.405 m ü.d.M.), sind heute nicht mehr in Betrieb. Die Verbindung der beiden Provinzhauptstädte Cosenza und Catanzaro konnten wir 2013 nicht durchgehend befahren. Die uns gezeigten Aufnahmen von dem mittleren Streckenabschnitt von vor rund 30 Jahren animieren zu einem weiteren Besuch, um diese grandiose Berglandschaft auch einmal mit eigenen Augen sehen zu können. Den Abschluss der Bilderfolge dieser Region bildete die Zahnradbahn von Catanzaro, von der die heute noch existierende Zahnraddampflok und SLM-Dieselloks gezeigt wurden.

Abschließend überquerten wir die Straße von Messina, standes- und zeitgemäß mit einem Trajektschiff der FS, um nach Sizilien zu gelangen. Catania bildete den Ausgangspunkt für einen Ausflug zu dem Vorgänger der seit 1999 betriebenen Metro. Auf dem Teilstück zum Hafen verkehrten regelspurige vierachsige Triebwagen, auf dem Streckenabschnitt durch die Stadt fuhren damals noch die schmalspurigen Züge der Ferrovia Circumetnea. Diese Bahn umrundet in ihrem Verlauf den Vulkan Ätna fast vollständig. Beeindruckend waren die Erlebnisse im Zusammenhang mit dem Vulkanausbruch 1981. Bei Randazzo wurde die Strecke von Lava meterhoch überdeckt. Noch qualmende Lava versperrte der Bahn den Weg. Erst Jahre später konnte der Zugbetrieb wieder aufgenommen werden.

2013, dem Jahr unserer Studienfahrt nach Sizilien, widmeten wir auch der Strecke nach Ragusa unsere Aufmerksamkeit. In der Rückschau konnten wir eine Panorama-Aufnahme genießen, die alle drei Stadtteile, vom barocken Stadtteil Ibla bis zur Neustadt, zeigte. Im Bahnhof Ragusa waren vor Jahrzenten gleich drei, mit Dieselloks bespannte Personenzüge vorhanden, kein Vergleich zu unserem Besuch, als die Verkehrsfreunde in einem einzelnen Dieseltriebwagen fast die einzigen Fahrgäste waren und in einem leeren Bahnhof ankamen.

Wir danken ganz herzlich Dr. Hansjürg Rohrer für eine Zeitreise in das Bahnland Italien der 1970er und 1980er Jahre, die gekonnt und mit persönlichen Erlebnissen bereichert, präsentiert wurde.

Die hier im Text vorgestellte historische Bilderreise ist Bestandteil der Publikation „Auf Schienen durch Italien“, die Ende vergangenen Jahres in Buchform erschienen ist. Dr. Hansjürg Rohrer hat fast 400 Bilder zusammengestellt und diese großformatig reproduzieren lassen. Unter ISBN 978-8885105232, Verlag Editoriale del Garda, kann es im Buchhandel bestellt werden. Wer sich von dem Verkaufspreis von 99.– EUR nicht abschrecken lässt, erhält hochwertige großformatige, teils über zwei Seiten gedruckte Panorama-Aufnahmen mit detaillierten Angaben zu den abgebildeten Fahrzeugen, Bahnen und Landschaften – nicht nur für Italien-Fans eine Augenweide.

Verkehrsfreunde Stuttgart e.V.

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