VERKEHRSFREUNDE STUTTGART E.V.
VERKEHRSFREUNDE STUTTGART E.V.

18.01.2014 Auf Schienen hoch hinaus – Diavortrag von Jörg Zimmer

Die 23 km lange elektrisch betriebene meterspurige Stansstad-Engelberg-Bahn eröffnete 1898 ihren Betrieb. Das Bild entstand am 21.03.1959 in Obermatt. Zahnradlok 5 mit Triebwagen 2 kommt von Stansstad herab. Aufnahme: Jörg Zimmer.

Unserem Mitglied Jörg Zimmer verdanken wir eine kaum noch zu überblickende Reihe von Dia-Vorträgen, die von den Teilnehmern stets mit großem Interesse und Bewunderung aufgenommen wurden. Der Grund ist ein zweifacher: Jörg Zimmer hat im Laufe der Jahrzehnte unzählige Reisen in zum Teil weit entfernte Länder unternommen und von dort viele Eisenbahn- und Straßenbahnfotos mitgebracht, die er aufgrund der eigenen Erfahrungen fundiert und kenntnisreich bei uns präsentieren und kommentieren konnte. Hinzu kommt aber noch seine Fähigkeit, frei und farbig zu erzählen und die Bahnthemen in seine Erfahrungen von Land und Leuten einzubetten, so dass die Hintergründe bestimmter technischer und betrieblicher Konstellationen besser verständlich werden.

 

Spontan fallen mir Vorträge zu den israelischen, nordamerikanischen, südafrikanischen und japanischen Bahnen sowie Impressionen von einer Reise nach St. Petersburg ein. Zwischendurch hat er aber auch immer wieder einmal einen Bilderbogen mit Material aus seinem anscheinend unerschöpflichen Bilderschatz z.T. weit zurückliegender Zeiten vorgeführt. Diesen Charakter hatte auch der Vortrag am 18. Januar, der als traditionelle Dia-Schau ablief und insofern inmitten unserer gewöhnlichen digitalen Projektion eine zusätzliche nostalgische Note bekam.

 

Auch hier ist es nicht möglich, die sich über vier Kontinente erstreckende virtuelle Bahnreise im Einzelnen wiederzugeben. Es mag genügen, einige besonders interessante Stellen hervorzuheben. Zunächst einmal (diesen Einwand erlaubt sich der Rezensent) bedurfte der Titel der Vortrags einer Umdeutung: Die Schienen, um die es hier ging, führten nicht durchweg wirklich „hoch hinaus“, in einigen Fällen aber eben doch und dann gleich ganz extrem! Eigentlich ging es generell um Bahnen im Gebirge. Jörg Zimmer bemerkte zu Beginn, Flachlandstrecken hätten ihn nie besonders interessiert, Bergstrecken umso mehr.

 

So ging es denn auch gleich zu Beginn in die südamerikanischen Anden, die er als junger Mann bereits in den 1950er-Jahren besuchen konnte. Wir sahen Bilder vom über 3000 m hohen La Paz, der Hauptstadt Boliviens, die mit Hilfe einer Fähre über den Titicacasee und durch eine anschließende normalspurige Strecke (die Südbahn von Peru) mit Arequipa und einem Pazifikhafen verbunden war, daneben aber auch schmalspurige Anbindungen an die chilenischen Häfen Arica und Antofagasta hatte.

 

Etwas später folgten Fotos von der Peruanischen Zentralbahn, die sich mit abenteuerlichen, über einander liegenden Spitzkehren von Lima über eine Kordilleren-Passhöhe von 4800 m zum immerhin noch 4300 m hohen Bergwerksort Cerro de Pasco hinaufarbeitet. Bis zum Bau der chinesischen Lhasa-Bahn war dies die höchste Eisenbahnstrecke der Welt! Ebenfalls in Südamerika, aber in Brasilien und an der Ostküste, verbindet eine Bahnlinie Sao Paolo mit dem Hafen Santos. Diese wurde früher – und davon sahen wir Fotos – mittels vierer Seilzugabschnitte auf den steilsten Abschnitten betrieben. Seit kurzem meistern Elektroloks von Stadler diese neutrassierte Steilstrecke und befördern Erzzüge an die Küste. Unvermeidlich war hier der illustrierte Verweis auf die 34 ‰-Rampe zwischen (Düsseldorf-) Erkrath und Hochdahl (-Wuppertal), die von 1841 bis 1927 im Seilzugbetrieb befahren wurde. Die stationären Dampfmaschinen hatte man hier allerdings bald nach der Eröffnung durch ein über eine Umlenkrolle geführtes Seil und zu Tal fahrende Dampfloks ersetzt. Nicht ganz so dramatisch, aber dafür bis heute mit gewaltigen Zuglasten betrieben, ist die nordamerikanische Ostwest-Transversale der Union Pacific Railroad über die kontinentale Wasserscheide zwischen Cheyenne, Wyoming und Ogden, Utah, die der Referent einst in einem Amtrak-Schnellzug durchquert hat. Hier mussten einige Bilder aus dem Zugfenster genügen, wir wurden aber darauf aufmerksam gemacht, dass für die Sherman-Hill-Rampe dieser Strecke (2440 m ü.d.M, 15,5 ‰ Steigung) die legendären (2’D)’D2’-Lokomotiven der Reihe UP 4000 („Big Boy“) gebaut wurden.

 

Zur Erholung führte uns Jörg Zimmer zwischendurch auf nicht so spektakuläre, aber dafür bekanntere Gefilde: die Bregenzerwaldbahn, die Schmalspurbahn Mosbach – Mudau, die Geislinger Steige, die Schwarzwaldbahn und – schon einiges anspruchsvoller – die Alpentransitstrecken über den Gotthard, den Brenner oder auch den Semmering. Im Zusammenhang mit der letzteren, bereits 1854 von der Österreichischen Südbahn eröffneten, Strecke sorgte für Erheiterung der so genannte „20-Schilling-Blick“: Auf dieser früheren österreichischen Banknote war auf der einen Seite exakt der Ausschnitt der Semmeringbahn dargestellt, den Herr Zimmer bei einer Streckenwanderung aufgenommen hat, auf der anderen Seite der Erbauer der Strecke Carl Ritter von Ghega abgebildet.

 

Danach ging es aber tatsächlich noch einmal hoch hinaus. Bereits in den 1960er-Jahren hatte der Referent die Gelegenheit, die indische Darjeeling-Bahn zu befahren und zu fotografieren, die durch unzählige Filme und Berichte weltberühmt geworden ist, heute aber infolge von Unwetterschäden nur noch in Teilabschnitten in Betrieb ist.

 

Wir sahen, wie eine ganz respektable Flachlandmaschine die Züge bis an den Fuß des Gebirges beförderte, bevor sie geteilt und mit den bekannten winzigen B-Kupplern in stundenlanger Fahrt über unzählige Kehrschleifen auf die Höhe der Teeplantagen von Darjeeling hinaufgeschleppt wurden. Höhepunkt dieser Fotostrecke war sicher der Kreuzungsbahnhof mit den vielen rauchenden Dampfloks vor zu Berg und zu Tal fahrenden Zügen (waren es acht?). Abgerundet wurden die Bahnfotos mit dem Panaroma der Himalaya-Achttausender, die von der Bergstation aus zu sehen sind.

 

Den letzten Teil des Vortrags bildete eine Auswahl von Zahnradbahnen. Die verschiedenen Systeme (Riggenbach, Abt, Strub, Locher) wurden anhand von Beispielen erläutert. Ausführlich ging Jörg Zimmer insbesondere auf die von Nikolaus Riggenbach bereits 1871 erbaute normalspurige Vitznau-Rigi-Bahn und deren erste Dampflokomotive mit stehendem Kessel ein, von der noch ein – mehrfach umgebautes – Exemplar erhalten ist und die wir beim Einsatz anlässlich des (125-jährigen) Jubiläums der Bahn sehen konnten. Zurzeit. befindet sie sich wieder im Verkehrshaus der Schweiz in Luzern.

 

Von den weiteren gezeigten Bahnen erinnert sich der Rezensent hauptsächlich noch an die ihm bis dato unbekannte, 1905 eröffnete, Brunnen-Morschach-Bahn, ganz in der Nähe der Rigi, die zwischen Brunnen am Vierwaldstätter See und Axenstein mit Hilfe der Strubschen Zahnstange eine Höhendifferenz von 266 m bei einer mittleren Steigung von 13 % überwand. Interessant war der Betrieb mit Loks und aufgesatteltem Beiwagen nach dem System Rowan, wie es anfangs auch bei der Jungfraubahn im Einsatz war.

 

Als der Referent seinen Vortrag nach rund 2 ½ Stunden beendete, hatten wir wieder einen „echten Zimmer“ erlebt, der vor uns das Füllhorn seines Wissens und seiner Bildschätze ausgeleert und uns unzählige Anregungen mitgegeben hatte. Die Vielfalt der Themen war so groß, dass man sie im Nachhinein wohl kaum noch alle präsent haben konnte. Der beeindruckte Rezensent wusste danach jedenfalls, was er alles nicht wusste, hofft aber, die Grundzüge dieses mit bewundernswerter Mühe zusammengestellten Referats hier wiedergegeben zu haben. Langanhaltender und herzlicher Beifall.

Verkehrsfreunde Stuttgart e.V.

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Verkehrsfreunde Stuttgart e.V.