VERKEHRSFREUNDE STUTTGART E.V.
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Rückblick von Dr. Peter Hartmann

17.10.2015 Die Nassdampftenderloks der Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen - Vortrag von Herrn Werner Willhaus

Fahrzeuggeschichtlich interessierten Verkehrsfreunden ist Werner Willhaus durch seine einschlägigen Beiträge und Monografien ein Begriff. Zudem hat er an der Seite von Gerhard Kirchner namhaften Anteil an der „Auferstehung“ der württembergischen T3 Nr. 930, die wir bereits mehrmals unter Dampf auf der Schwäbischen Alb erleben konnten. So haben wir gern zugegriffen, als er uns vor einigen Monaten anbot, einen Vortrag über eben die Fahrzeugfamilie zu halten, der dieser typische Dreikuppler aus der Zeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstammt und damit dessen technik-geschichtlichen Hintergrund zu umreißen. Wir wussten, dass wir kaum einen kompetenteren Referenten finden könnten, wenn es um die oft unscheinbaren, aber unverzichtbaren Tenderdampfloks aus württembergischen Länderbahnzeiten ging. Die Begrenzung auf die Nassdampftypen machte den Titel unserer Veranstaltung etwas kompliziert, sie war aber sinnvoll, um den Stoff nicht ausufern zu lassen. Somit blieben die Heißdampf-Typen T4, 5, 6 und 14, Tn (DRB 941) und Hz (DRB 975) außer Betracht ebenso wie die Nassdampf-Zahnrad-Tenderloks der württ. Klasse Fz und die Schmalspurloks, die ja eigentlich auch „Nassdampftenderloks der KWStE“ waren.

Werner Willhaus führte uns mit Hilfe eines erstaunlich reichen Bildmaterials und anhand von kurzen Zwischentexten durch die Zeit von 1892 bis 1913, d.h. durch den Zeitraum, in dem auch die verschiedenen Unterserien „unserer“ württembergischen T3 entstanden. Die unvorgebildeten Zuschauer bzw. Zuhörer, zu denen sich der Verfasser dieser Zeilen auch zählt, kamen bei der Klassen- und Nummernsystematik der Alt-Württemberger Eisenbahner zuweilen etwas ins Schwimmen. So begann die Reihe der durch den Großbuchstaben T mit angehängten Ziffern und/oder Kleinbuchstaben gekennzeichneten Tenderloks nicht mit T1, sondern schlicht mit T, um sich dann mit T3, T4 usw. einigermaßen „sprechend“ fortzusetzen. Die T war eine B n2-T, die, wie einige Fotos zeigten, im Rangier und Gleisanschlussdienst aber offenbar ganz ansehnliche Anhängelasten bewältigte. Die Reihen T2, T2a, T4a und T4n wiederum entstanden als Umbauten von Schlepptenderloks (man wollte offenbar „totes“ Gewicht sparen, wo die Vorräte problemlos aufgefüllt werden konnten). Sie waren zwar sämtlich 2-Kuppler, hatten aber 1 oder 2 Laufachsen. Es wäre kein Wunder, wenn Sie hier schon leicht den Überblick verlieren. Ich habe bei Mühl und Seidel, Die Württembergischen Staatseisenbahnen (Theiss, 1970), nachgeschlagen.

Bei der mit 114 Stück bei weitem umfangreichsten Baureihe T 3 wird es wieder einfacher und logischer. Der lange Beschaffungszeitraum lässt darauf schließen, dass hier eine leistungsfähige und gut zu handhabende Maschine für die damaligen Rangier- und Nebenstreckenbedürfnisse entstanden war. Immerhin wurde sie aber von vier verschiedenen Herstellern gebaut. Die von Krauss in München gelieferten Loks hatten ihren Wasservorrat in Kästen im Rahmen, die von der Maschinenfabrik Esslingen, der Maschinenbaugesellschaft Heilbronn gelieferten sowie die vier in der bahneigenen Werkstatt gebauten Maschinen hatten hingegen zusätzliche seitliche Wasserkästen. Zu dieser Nassdampftenderlok führte uns Werner Willhaus eine Reihe schöner und informativer historischer Fotos, insbesondere Betriebsfotos vor. Dabei kamen Strecken ins Bild, die schon lange von der Oberfläche verschwunden sind, ein erfreulicher Nebeneffekt dieses Fahrzeug-Vortrags. Auch die später beim Stuttgarter Gaswerk und anderen Industriebetrieben eingesetzten Loks dieser Baureihe waren ein Thema.

Mit den Reihen T4, einer 1906/09 in 8 Exemplaren für den Schiebedienst an der Geislinger Steige beschafften D n2-T, und T9, einer aus der preußischen T9.3 abgeleiteten 1‘C n2-T (10 Exemplare, 1906/07) schloss der erste Teil des Vortrags.

Es folgte eine illustrierte Dokumentation der sich über Jahrzehnte hinziehenden Aufarbeitung der T3 930 durch die GES, die uns die unüberwindlich scheinenden technischen und finanziellen Hindernisse dieser wirklichen Großtat vor Augen führte. Zu unserer Freude war Gerhard Kirchner, dem wir den letztendlichen Erfolg dieses Unternehmens verdanken, bei dem Vortrag unter uns. Er wollte mit seiner Arbeit nicht zuletzt das Vermächtnis seines so tragisch früh verstorbenen Sohnes Thomas erfüllen, und zu Recht trägt die Maschine jetzt auch den Namen „Thomas“. Werner Willhaus zeigte uns die verschiedenen Stadien der Zerlegung und des Wiederaufbaus der T3 in instruktiven Farbfotos. Insbesondere konnten wir die Arbeiten des engagierten Teams der MaLoWa Bahnwerkstatt GmbH in Mansfeld-Benndorf (Sachsen-Anhalt) verfolgen. Der Kessel der Lok war schon Jahre zuvor im polnischen Piła (Schneidemühl) neu gebaut worden. Immer wieder waren Gerhard Kirchner und Werner Willhaus im Mansfelder Land, um den Fortgang der Arbeiten zu beobachten und zu besprechen, wovon einige Fotos zeugten.

Schließlich konnte die T3 930 zum Jahreswechsel 2013/14 betriebsfähig nach Württemberg zurückkehren, wo sie seither von der GES bei Sonderfahrten eingesetzt wird. Nachdem sie in diesem Jahr wegen eines Schadens vorübergehend abgestellt werden musste, ist sie jetzt wieder im Einsatz. Wenn man den von unserem Referenten gezeigten Metallhaufen am Anfang der Restaurierung mit dem Bild der heutigen, vor einem historischen Zug dampfenden T3 vergleicht, wird einem die unglaubliche Leistung der „Aktivisten“ deutlich.

Wir danken Werner Willhaus herzlich für seinen instruktiven, nicht nur fachkundig, sondern auch redegewandt kommentierten Bild-Vortrag. Etwas bedauerlich ist aus Sicht des Verfassers dieses Rückblicks, dass nur 45 Teilnehmer bei dieser ersten Saalveranstaltung nach der langen Sommerpause anwesend waren. Auch für den nicht an den technischen Details Interessierten gab es nämlich eine große Fülle historischer und seltener Betriebsaufnahmen zu sehen, die unser Referent nach eigener Aussage oft in geradezu detektivischer Forschungsarbeit aus vielerlei, z.T. schwer zugänglichen Quellen zusammengetragen hat.

Verkehrsfreunde Stuttgart e.V.

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