VERKEHRSFREUNDE STUTTGART E.V.
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Rückblick von Dr. Peter Hartmann

16.04.2016      „25 Jahre Eisenbahn-Romantik“ – Filme von und mit Hagen von Ortloff

Am 7. April 1991 lief die erste Folge der Sendung „Eisenbahn-Romantik“ im Dritten Südwest-Fernsehprogramm über den Bildschirm – Moderator: Hagen von Ortloff. Es handelte sich eigentlich um einen „Pausenfüller“, für den man einen Film vom Dampfloktreffen auf der Wutachtalbahn zu Ostern 1987 ausgesucht hatte. Sie erinnern sich vielleicht an dessen dramatische Umstände mit der Entgleisung der Lok 38 1772. Was zunächst eine Art Verlegenheitslösung ohne höhere Absichten war, entwickelte sich zu einer der beliebtesten Serien des ARD-Fernsehens: Innerhalb der ersten vier Jahre wurden bereits 123 Folgen ausgestrahlt, und nach 25 Jahren hat es die Sendung auf über 870 gebracht. In der Medienlandschaft ein unglaublicher und mit vergleichsweise geringen Mitteln erzielter Erfolg, hatte die Sendung doch in Spitzenzeiten Einschaltquoten von sensationellen 9%! Die Ursache liegt vermutlich in der journalistisch genialen Kombination von Information und Unterhaltung, die den gestrengen Schienenverkehrsenthusiasten und Bahnhistoriker genauso anspricht wie den Freund schöner Bilder, nostalgischer Erinnerung und anekdotischer Erzählung. Man darf vermutlich von einer regelrechten Familiensendung sprechen.

Der Chronist bewundert hier die professionelle Leichtigkeit, die bekanntlich etwas besonders schwer zu erreichendes ist, und erlaubt sich einmal mehr den Verweis auf Goethes Erkenntnis im „Vorspiel auf dem Theater“ (Faust I), dass, wer vieles bringt, manchem etwas bringe. Fast spielerisch wurde und wird hier die unendliche Vielfalt der Eisenbahnwelt auf unterhaltsame Weise (und oft zum ersten Mal!) einem großen Publikum nahe gebracht.

Unser Mitglied Hagen von Ortloff, geistiger Vater und charmanter Moderator dieses Dauerbrenners, der vor fünf Jahren, 2011, bereits einmal einen Film-Nachmittag im Haus der AV Alania gestaltet hat, hatte sich im Gespräch mit Rainer Vogler bereiterklärt, quasi zum Ende seiner hauptamtlichen Arbeit für den Südwestrundfunk erneut einige besonders prägnante und bahngeschichtlich hochkarätige Folgen aus dieser gewaltigen Fülle in einer VFS-Saalveranstaltung zu präsentieren – und uns auch ein wenig hinter die Kulissen dieser Erfolgssendung schauen zu lassen. Viele Verkehrsfreunde sind auch Eisenbahnromantik-Freunde, und so war es nicht erstaunlich, dass sich gut 90 Personen im Alanen-Haus versammelten, um einerseits die angekündigten Filme anzusehen, andererseits aber auch den Erfinder und Gestalter der Sendungen live zu erleben. Hagen von Ortloff führte uns auf lockere wie souveräne Art durch das Programm und steuerte immer wieder informative und amüsante Details zur Entstehung einzelner Szenen und zu den dahinterstehenden Konzepten bei. Auch unsere offenbar etwas widerborstige Wiedergabe-Hard- und Software, die manchmal Aussetzer produzierte und Schwierigkeiten mit der reibungslosen Verarbeitung der Tonspuren hatte, brachten ihn nicht aus der Ruhe. Dass ihm (und uns) diese „Macken“ aber auch keine Freude bereiteten, ist nur zu verständlich, denn der Genuss dieser tollen Szenen musste zwangsläufig etwas darunter leiden. Leider vermochte unser Operator Harald Frank auch nicht durch Wechsel der Datenträger und Abspielmodi diese bedauerlichen Störungen auszuschalten. Dessen ungeachtet, konnten wir aber vier interessante, mit manchen eigenen Erinnerungen verbundene, Filme auf uns wirken lassen.

An den Anfang hatten wir in Abstimmung mit dem Referenten und in chronologischer Reihenfolge den Film „Abschied von der Schmalspur“ gestellt. Es handelte sich dabei um die Nummer 2 der Serie überhaupt, also die, welche auf die mit dem 1987er Wutachtalbahn-Fest folgte. Sie enthielt Szenen von der Härtsfeldbahn, der Bottwartalbahn, und den Strecken Warthausen – Ochsenhausen und Amstetten – Laichingen. Mit einer gewissen Bitterkeit mussten wir einmal mehr die Diskrepanz zwischen dem Bedauern der Anwohner dieser Strecken über deren Einstellung und der realen Abwendung derselben Kreise von ihren Bahnen zur Kenntnis nehmen. Die verbalen Klimmzüge, mit denen ein interviewter Bonner Ministerialbeamter die Streichung der „Gasölbetriebsbeihilfe“ (welch ein Wortungetüm!) zugunsten des Straßenbaus begründete, hatten schon etwas von einer Realsatire. Dass aber diese liebenswerten und betrieblich interessanten Bahnbetriebe durch die Filmaufnahmen in lebendiger Erinnerung gehalten werden, ist für den Schmalspurfreund Grund zur Freude und Dankbarkeit.

Ein großer zeitlicher Sprung brachte uns zur Folge 274 und zum Thema „75 Jahre Stuttgarter Hauptbahnhof“ (1922–1997). Wir erinnern uns: Just zu diesem Jubelfest erschien das Projekt „Stuttgart 21“, das nichts weniger als das Ende des großen und traditionsreichen Kopfbahnhofs mit seinen 16 Bahnsteiggleisen zum Ziel hatte und das am Ende des Films virtuell dargestellt wurde. Insofern waren vermutlich auch zum Zeitpunkt der Ausstrahlung mit den gezeigten Filmszenen und Bildern aus 75 Jahren Bahnhofsgeschichte schon gewisse wehmütige Erinnerungen verbunden. Welche politischen und emotionalen Konflikte diese Fundamentalumgestaltung des Bahnhofs mit sich bringen würde, konnte sich anno 1997 aber wohl kaum jemand vorstellen. Den ganz überwiegenden Teil des Films nahmen Betriebsaufnahmen aus den Jahren des Wiederaufbaus des zerstörten Bahnhofs und der „Epoche 3“ ein, die für die älteren Verkehrsfreunde die selbst erlebte faszinierende Vielfalt der Bundesbahnjahre mit all ihren Veränderungen widerspiegeln. Zuvor gab es Fotos vom Bau und den frühen Jahren des Bahnhofs zu sehen, aber auch einen sensationellen, wenngleich technisch unvollkommenen Film mit einer Zugeinfahrt aus dem Jahre 1929.

Den Chronisten hat am meisten ein längerer Fernsehbeitrag von 1963 beeindruckt, der der aktuellen Pünktlichkeit der DB am Beispiel einer zufällig gewählten Stunde auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof gewidmet war. Die dabei verfolgten Zugankünfte und -abfahrten waren entweder genau im Plan, oder die Verspätungen hielten sich im Rahmen weniger Minuten (so z.B. beim Schnellzug aus Rom). Vergleicht man diese Bestandsaufnahme mit den heutigen Erfahrungen, kommt man über den Segen des Fortschritts schon ins Grübeln.

Zwischen den Episoden des Films gab es ein Wiedersehen mit unserem Ehrenmitglied Egon Hopfenzitz, dem früheren Stuttgarter Bahnhofsvorsteher, der das Gesehene ins rechte Licht rückte und aus seinem Erfahrungsschatz plauderte; etwa, als er die perfekten Vorbereitungen zum Besuch von Königin Elisabeth II im Jahre 1965 schilderte. Deren Ankunft im Sonderzug und die Begrüßung durch Ministerpräsident Kiesinger waren in einer längeren Passage zu verfolgen. Ein Vergleich mit den heutigen Unannehmlichkeiten durch Stuttgart 21 drängte sich auf, als Herr Hopfenzitz die Auswirkungen des S-Bahnbaus auf den Betrieb des Hauptbahnhofs schilderte. In einer Reihe von Filmsequenzen waren die Tunnelbauarbeiten selbst und die Eröffnung der Klett-Passage dann auch dokumentiert. Schließlich sei auch noch der umfangreiche Bericht von der Inbetriebnahme des neuen Zentralstellwerks und den notwendigen Vorarbeiten erwähnt.

Die Folge 456 weitete den Blick dann von der Landeshauptstadt auf das Bundesland Baden-Württemberg: 50 Jahre Nachkriegszeit und Wiederaufbau wurden mit historischen (Wochenschau-) Filmausschnitten in Erinnerung gerufen bzw. den jüngeren Zuschauern vor Augen geführt. Am Anfang standen Aufnahmen der durch Bomben schwer zerstörten Bahnanlagen und Fahrzeuge, schon bald aber folgten immer neue Meldungen vom Wiederaufbau und der allmählichen Normalisierung des Bahnverkehrs. Die Not der ersten Nachkriegsjahre erzwang teilweise auch Betriebskonstellationen, die dem historisch interessierten Verkehrsfreund einigermaßen sensationell vorkommen mussten, etwa einen mit einer Kriegslok der Baureihe 42 bespannten Fernzug.

Dem heutigen Zeitgenossen dürften auch die Wortwahl der Kommentare und der forsche Tonfall des frühen Wochenschausprechers aufgefallen sein, der die Aufbaufortschritte ähnlich emphatisch verkündete wie Jahre zuvor die martialischen Erfolgsmeldungen. Im Verlauf der 50 betrachteten Jahre wurde die Diktion dann zunehmend sachlicher und – mit dem heutigen Modewort – „kritischer“. So erlebten wir in diesen Filmausschnitten über die bahntechnischen Fakten hinaus auch den Wandel des Zeitgeistes. Am Ende dieser Folge standen Szenen aus dem damals modernen Bahnalltag mit 103-bespannten IC-Zügen und dem Beginn des Hochgeschwindigkeitsverkehrs, repräsentiert durch ICE1-Triebzüge.

Hagen von Ortloff hatte uns auch einen technik- wie landesgeschichtlich interessanten Beitrag aus dem Jahr 2014 über Eugen Kittel (1859–1946) mitgebracht. In diesem, u.a. durch Interviews mit der Enkeltochter Kittels besonders farbigen und authentischen Film wird die Lebensleistung dieses bedeutenden Ingenieurs gewürdigt, der als Nachfolger Adolf Kloses 1895 Vorstand des Maschinentechnischen Büros der Königlich Württembergischen Staatseisenbahnen wurde und 1924 als Vorstand der Maschinenabteilung der Reichbahndirektion Stuttgart in den Ruhestand ging. Den meisten Eisenbahnfreunden ist er sicher als Schöpfer des Kittel-Dampftriebwagens bekannt. Der Film dokumentiert aber vor allem die Leistung Kittels bei der Durchsetzung der Heißdampflokomotive in Württemberg, verkörpert insbesondere in den K.W.St.E.-Baureihen C (DRG 18.1), K (DRG 59) und Hz (DRG 97.5).

Leider spielten uns die oben bereits erwähnten technischen Probleme hier einen besonderen Streich, indem die kommentierende Tonspur unhörbar war. So entschlossen wir uns in Übereinstimmung mit unserem Referenten, die Vorführung abzubrechen und zu dem fünften Film unserer Auswahl überzugehen.

In diesem, der „Stuttgarter Bahnschätze“ überschrieben war, stand noch einmal die Landeshauptstadt im Zentrum. Zur Einleitung hatte die Redaktion hier einen kommentierten Blick vom Fernsehturm über den Stuttgarter Talkessel gewählt. Nacheinander gab es dann schöne, vielfach historische, Filmszenen zum Hauptbahnhof, zur Standseilbahn zum Waldfriedhof, zur Zahnradbahn auf der Alten Weinsteige, zum entstehenden Straßenbahnmuseum in Bad Cannstatt (mit unserem Mitglied Thomas Moser), zur Killesbergbahn und zum „Rumpelstilzchen“ auf der Waldau. Dankbar vermerkt der Chronist an dieser Stelle die abschließende Erinnerung an den Maler Hermann Pleuer (* Schwäb. Gmünd 1863 – † Stuttgart 1911), der Kunst und damaliges Eisenbahnwesen auf seinen Zeichnungen und Gemälden ausdrucksstark und realistisch verbunden hat. Die Staatsgalerie Stuttgart, die etliche seiner Gemälde besitzt, widmete seinem zeichnerischen Werk 2011 eine Ausstellung unter dem Titel „Ruß, Kohle, Bleistift“.

Zu unserer Freude möchte Hagen von Ortloff das Versäumte nachholen und im Jahr 2017 in einem zweiten Anlauf mit weiteren Eisenbahnromantik-Filmen (einschließlich dem Kittel-Beitrag) einen Nachmittag im Saal der AV Alania gestalten. Wir sind ganz sicher, dass dann die dieses Mal aufgetretenen Störungen Vergangenheit sein werden. Eine wegweisende Expertise von Jürgen Jung liegt bereits vor, wir werden die technischen Änderungen umgehend umsetzen. Wir danken Hagen von Ortloff für die Sympathie, die er den Verkehrsfreuden Stuttgart e.V. seit langem entgegenbringt und für diesen Nachmittag mit den inspirierenden Filmen und seinen für uns hochinteressanten Erläuterungen zur Geschichte der Reihe „Eisenbahn-Romantik“ und zur Arbeitsweise bei der Entstehung der Sendungen.

Die nach wie vor auf verschiedenen Kanälen angebotenen Folgen dieser Kultsendung werden uns auch weiterhin Freude machen. Dabei werden wir dem uns seit 25 Jahren vertrauten Moderator Hagen von Ortloff immer wieder begegnen. Wie er uns versicherte, dürfen wir uns auch nach seiner Pensionierung im kommenden Juli auf weitere Folgen der nun von Goggo Gensch verantworteten Sendereihe freuen.

 

Verkehrsfreunde Stuttgart e.V.

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