VERKEHRSFREUNDE STUTTGART E.V.
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15.03.2014 Eisenbahnen in Großbritannien – Referent Jörg Schulze

Bei einer Sonderfahrt auf dem Netz der ehemaligen Southern Railway kam die 1’E h2 – Neubaulok von British Rail No. 92212 zum Einsatz. Es handelt sich um eine von rund 250 seit 1954 gebauten schweren Güterzuglokomotiven der Reihe Standard „9“.

Von unserem Mitglied Jörg Schulze haben wir bereits mehrfach, u.a. in unseren Jahresrückblicken, interessante Fotoberichte von seinen unzähligen Reisen zu ausländischen Bahnen erhalten. Dabei wurde sein ganz besonderes Interesse an der Eisenbahnlandschaft Großbritannien deutlich, und man bekam angesichts der Kostproben mit historischen Fahrzeugen in dem unverwechselbaren britischen Bahnambiente Lust auf Mehr. Wir hatten also Grund, uns auf den angekündigten Vortrag mit ca. 200 Bildern aus dem Mutterland der Eisenbahn zu freuen. Wie berechtigt diese Erwartung war, bewies die Fülle und Vielfalt historischer und aktueller Bahnszenen, die er vor uns ausbreitete und erläuterte. Dabei wurden viele Gegenden und Betriebseinrichtungen kreuz und quer durch die britische Insel berührt, die einerseits durch ihre landschaftliche Schönheit und das historische Erbe des Landes, andererseits aber auch durch die aus deutscher Sicht so „ganz andere“ Erscheinungsform des britischer Eisenbahnwesens faszinierten.

Wir sahen Bilder des heutigen Bahnverkehrs wie auch Szenen von den in Großbritannien in erstaunlicher Fülle vorhandenen Museumsbahnen und Eisenbahn-, respektive Transportmuseen, wobei der nostalgische Teil überwog. Im Laufe des Nachmittags wurde klar, dass im Hinblick auf die Bewahrung des nationalen technischen Erbes auf dem Schienenverkehrssektor England, Schottland und Wales in einer anderen Liga spielen als die Kontinentaleuropäer. Ist es die Vielfalt der lange von Privatunternehmen bestimmten britischen Bahnen, die britische Neigung zum Festhalten an für uns archaischen Konstruktions- und Betriebsformen oder einfach die staunenswerte Tatkraft der Vereinigungen, die sich um die technischen Monumente kümmern? Aus der Sicht des Chronisten wirkt alles zusammen, auch wohl die bewundernswerte Privatinitiative, so dass eine unglaublich vielfältige lebendige Technikgeschichte zu bewundern ist, wenn man sich durch die Landesteile bewegt. Vieles ist so perfekt restauriert und inszeniert, dass man glauben könnte, sich in der Welt von Literatur und Film vergangener Jahrzehnte zu bewegen und Sherlock Holmes oder Miss Marple liefen durch die Szene.

Der Vortrag begann mit einer Rundfahrt im dampfgeführten Sonderzug von London entlang der Ostküste in das schottische Hochland und zurück auf der Westseite über Bristol bis in den äußersten Zipfel von Cornwall. Dieses Programm wird anscheinend jedes Jahr in ähnlicher Form durchgeführt. Unser Referent hat zwei Mal daran teilgenommen und konnte uns Fotos von einsatzfähig unterhaltenen Vertretern berühmter britischer Dampflok-Baureihen vorführen, die dabei zum Einsatz kamen. Am eindrucksvollsten war sicher die blaue, stromlinienverkleidete Pacific-Lok „Bittern“ der Baureihe A4 der ehemaligen London & North Eastern Railway (LNER) aus der Mitte der 1930’er-Jahre. Sie ist eine Schwester der durch die Weltrekordfahrt im Juli 1938 in die Annalen der Eisenbahngeschichte eingegangenen Lok „Mallard“. 35 dieser von Sir Nigel Gresley entworfenen Maschinen waren noch bis in die 1960’er-Jahre bei British Rail im Schnellzugeinsatz auf der Ostküstenstrecke – zeitweise sogar nonstop zwischen London Kings Cross und Edinburgh. Wasser wurde aus Trögen zwischen den Gleisen („troughs“) während der Fahrt aufgenommen, und das Lokpersonal wurde durch einen Korridortender abgelöst. Im Gegensatz zu anderen britischen verkleideten Loks dieser Ära behielten die A4 ihre Stromschale bis zum Schluss.

Im Laufe des Vortrags bekamen wir aber auch Fotos anderer Schnellzug-Dampfloks zu sehen, so z.B. die von Sir William Stanier für die konkurrierende Westküstenstrecke der London, Midland & Scottish Railway (LMS) entworfene 2’C1’ h4 „Coronation“ oder die rund 10 Jahre ältere „Royal Scot“, eine 2’C h3, sowie die noch zu Beginn der 1950’er-Jahre gebaute „Britannia“-Class, eine 2’C1 h2, nicht unähnlich unserer BR 01. Ebenso sind Schnellzug-Dampfloks der beiden Bahngesellschaften im Süden (Southern Railway, SR) bzw. Südwesten (Great Western Railway, GWR) Englands in einer Reihe von Exemplaren erhalten geblieben und konnten von Jörg Schulze im Einsatz gezeigt werden: 2’C1’ h3-Maschinen der „Merchant Navy“- bzw. „West Country“-Klassen der SR waren mit und ohne Stromschale zu sehen; ebenso eine der für uns nur schwer zu unterscheidenden GWR-Loks der Bauart 2’C, nach Erinnerung des Chronisten wohl eine „Hall“-Class, bei der Einfahrt in die geschwungene Bahnsteighalle des Bahnhofs Bristol Temple Meads.

Dankbar registrierte man, dass unser England-Reisender einige schöne viktorianische Bahnhofsgebäude im Bild festgehalten hat, so z.B. gerade den erwähnten Bahnhof in Bristol oder das gotische „Märchenschloss“ des Londoner Bahnhofs St. Pancras von George Gilbert Scott. Dieses beherbergt heute einerseits (wieder!) ein Grand Hotel und schließt andererseits den Londoner Endbahnhof der „Eurostar“-Linie vom Kontinent nach London mit der von Sir Norman Foster restaurierten grandiosen Bahnsteighalle ab. Auf die Verlegung dieses Terminals von der Waterloo Station, wo wir 1996 auf unserer Englandreise ankamen, an den neuen Standort wurden wir mit passenden Bildern hingewiesen.

Der Leser wird bemerkt haben, dass der Verfasser dieser Rückblende die Relikte der „großen“ Eisenbahnvergangenheit in Britannien mit besonderer Anteilnahme verfolgt hat. Wenn er in dieser Breite all die anderen charakteristischen Aufnahmen entlang der von Jörg Schulze besuchten Bahnen und Strecken Revue passieren lassen wollte, würde der Rahmen eines Verkehrsfreunde-Rundschreibens gesprengt. Daher sollen einige Stichwort genügen: Im Laufe vieler Reisen auf die britische Insel hat er unzählige Museumsbahnen besucht und in seinem Referat mit Bildern dokumentiert – einige auf schmaler und schmalster Spur, die zuweilen den Eindruck einer Parkeisenbahn machen, andere, die wie eine Hauptbahn wirken und in vielen Fällen eine unglaubliche Sammlung historischer Dampflokomotiven, Diesellokomotiven und Wagen besitzen und in eigenen Werkstätten restaurieren und unterhalten. Zu letzteren gehört die „Bluebell Railway“ östlich von Brighton, die wir 1996 auch besucht haben. Wir konnten Loks im Einsatz sehen, die wir damals nur abgestellt erlebt hatten. Nicht allzu weit davon zieht die „Kent & East Sussex Railway“ mit dem Mittelpunkt in dem idyllischen Städtchen Tenterden viele Besucher an. Auch der Museumsbetrieb auf einem wiederhergestellten Stück der im „Beeching-Furor“ der 1960’er-Jahre leider weitgehend zerstörten „Great Central Railway“ wurde vorgestellt.

Relativ breiten Raum nahmen die Schmalspurbahnen in Wales, die Zahnradbahn auf den 1.100 m hohen Mount Snowdon und die Bahnen auf der Isle of Man ein, die auch im Ausland bekannt sind. Die Isle of Man liegt mitten in der Irischen See und bietet für jeden Schienenfreund etwas: Pferdebahn, Dampfeisenbahn, elektrische Überlandstraßenbahn und die im Rechtsverkehr betriebene elektrische Bergbahn auf den Snaefell. Abgerundet wird diese viktorianische Eisenbahnwelt mit der wiedererstandenen Ausflugsbahn „Groudle Glen Railway“. In den Gebieten mit seinen zungenbrecherischen keltischen Namen fühlt sich der Chronist nicht besonders kompetent und möchte es bei der Erwähnung der Tatsache belassen, dass die walisischen Bahnen ihre Existenz dem früheren Schieferabbau verdanken und nach dessen Ende von Enthusiasten gerettet wurden. U.a. ist dort noch die Gelenk-Bauart Fairlie im Betrieb, von der es auch einige Exemplare im sächsischen Schmalspurnetz gab. Die Isle of Wight vor der englischen Kanalküste haben wir 1996 besucht, und die Teilnehmer der seinerzeitigen England-Exkursion werden sich sowohl an die von Jörg Schulze gezeigte Inselbahn erinnern, die mit ehemaligen Londoner U-Bahn-Zügen betrieben wird, wie auch an die von dieser in Smallbrook Junction abzweigende „Isle of Wight Steam Railway“ mit ihren nostalgischen ehemaligen „Southern“-Fahrzeugen und liebevoll restaurierten Bahnhöfen. Ganz am anderen Ende der Insel, nämlich im hohen schottischen Norden hatte uns Jörg Schulze zuvor durch die Highlands von Inverness nach Kyle of Lochalsh und von Mallaig nach Fort William geführt. Auf dem Weg nach Süden gab es noch einen Abstecher in den Seendistrikt.

Über den ganzen Vortrag verteilt, bekamen wir eine Art Kaleidoskop britischer Dampflokgeschichte vorgeführt. Beileibe nicht alle waren solche edlen Renner wie die zu Beginn erwähnten Express-Lokomotiven aus der Zwischenkriegs- und Nachkriegszeit. Aber gerade die kleineren Personenzug-, Güterzug- und Rangierloks machten den besonderen Reiz dieser Typen-Präsentation aus. Insbesondere die C-Kuppler und die B2’-Tenderlokomotiven des Vorort- und Nebenbahndienstes mit ihren Innentriebwerken wirken auf uns fast wie Uhrwerklokomotiven. Das andere Extrem waren die formschönen und „modern“ aussehenden Stanier „Black 5“ (2’C h2) und besonders die „Standard“-Lokomotiven der frühen British Rail-Zeit, so z.B die 1’C1’-Tenderloks der Class 2 und 3, die an die Baureihe 66 der DB erinnern, oder die wuchtigen 1’E h2-Güterzugloks, mit deren letzter („Evening Star“) die große Tradition des britischen Dampflokbaus endete. Allen gezeigten Maschinen gemeinsam waren der exzellente äußere Zustand und die ästhetische Form der glatten Kessel ohne sichtbare Leitungen und Armaturen, wie es britischen Prinzipien entspricht. Schließlich ist auch die farbenfrohe Erscheinung gemäß der „Corporate Identity“ der früheren privaten Gesellschaften abwechslungsreich und ansprechend.

An verschiedenen Stellen tauchten auch, inzwischen bereits wieder historische, Diesellokomotiven und Triebwagen auf. Unter diesen sind aus deutscher Sicht besonders bemerkenswert die für das Gebiet der ehemaligen Great Western Railway beschafften dieselhydraulischen Loks der „Warship-Class“, die mit MAN oder Maybach-Motoren ausgerüstet waren und eine gewisse Ähnlichkeit mit der V 200 der DB erkennen lassen. Im Allgemeinen bevorzugte British Rail die elektrische Kraftübertragung. Aufnahmen am Reiseweg zeigten aber auch eine Reihe aktueller Fahrzeuge: z.B. die elektrischen Pendolino-Züge der von Virgin Rail betriebenen West Coast Main Line, die Wendezüge mit Electra-Triebköpfen auf der Ostküsten-Hauptstrecke, die wir bereits 1996 beobachtet und benutzt haben, die anscheinend unverwüstlichen High Speed Trains („InterCity 125“) aus den 1970’er-Jahren für 200 km/h mit zwei Dieseltriebköpfen, die u.a. im Cross Country Dienst der DB-Tochter Arriva eingesetzt sind und immer wieder die 6-achsigen dieselelektrischen Güterzugloks der Class 66, auch diese teilweise in deutscher Regie von DB-Schenker oder beim Güterverkehrsunternehmen EWS (English, Welsh & Scottish). Schließlich viele moderne Dieseltriebwagen und -triebzüge regionaler Anbieter, meist sehr farbenfroh lackiert und auch heute noch oder wieder mit Stirntüren und kleinen Fahrerkabinen. Hier vermag nur der Britannien-Experte noch den Überblick zu behalten.

Apropos Überblick: Wenn der Rezensent nach aller Begeisterung doch eine kritische Bemerkung anbringen darf, dann dahingehend, dass der eine oder andere Zwischentitel mit Kartenausschnitten oder Planskizzen hilfreich gewesen wäre. Das mindert aber nicht die Freude über diese hochinteressanten, abwechslungsreichen und kenntnisreich kommentierten Impressionen aus dem Bahnland Großbritannien, dem Historischen, aber auch dem Gegenwärtigen, das in letzter Zeit in den Medien eher einseitig negativ dargestellt wurde. Bei manchem Verkehrsfreund mag der Wunsch aufgekommen sein, das alles doch einmal selbst vor Ort in Augenschein zu nehmen. Im Vorstand fand die Idee, dass man sich nach rund 20 Jahren wieder einmal dem Land des Linksverkehrs, der merkwürdigen Maßeinheiten und der vielen Museumsbahnen zuwenden sollte, nach diesem anregenden Vortrag reichlich Nahrung. Es würde sich das Jahr 2016 anbieten, in dem die Verkehrsfreunde auf 70 Jahre Vereinsgeschichte zurückblicken werden. Da wir uns zunächst einmal einen Überblick über die Museumsbahnlandschaft und attraktive Strecken und Orte in Großbritannien verschaffen müssen, ergeht die Bitte an Ortskundige oder mit britischen Eisenbahnfreunden Vernetzte zur Mitarbeit und zum Ideensammeln.

Wir danken Jörg Schulze ganz herzlich für seinen bunten und kurzweiligen Vortrag, der aus unserer Sicht durchaus mehr Teilnehmer als die 58 gezählten verdient gehabt hätte.

Verkehrsfreunde Stuttgart e.V.

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