VERKEHRSFREUNDE STUTTGART E.V.
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06.12.2014 - Henschel & Sohn, Kassel: Aus der Geschichte der größten deutschen Lokomotivfabrik – Vortrag von Herrn Peter Zander

Techniksammlung im Henschel-Museum Kassel: Nachbau der Henschel-Dampflokomotive Drache. Aufnahme: Rainer Vogler
Techniksammlung im Henschel-Museum Kassel: Henschel- Feuerwehren Aufnahme: Rainer Vogler

06.12.2014 Henschel & Sohn, Kassel: Aus der Geschichte der größten deutschen LokomotivfabrikVortrag von Herrn Peter Zander

Den Kontakt zu Herrn Peter Zander, dem Leiter des Kasseler Henschel-Archivs, verdanken die Verkehrsfreunde ihren Mitgliedern Rolf Vogler und Reinhard Krause, die im Jahr 2013 bei einem Feldbahn-Treffen in Chemnitz mit ihm ins Gespräch kamen. Die Anregung Rolf Voglers, an Herrn Zander wegen eines möglichen Referats in Stuttgart heranzutreten, griff der Vorsitzende sogleich auf und besuchte diesen und das Henschel-Archiv Anfang 2014 anlässlich zweier Reisen nach Südniedersachsen. Dabei wurden Inhalt und Termin des Vortrags vereinbart; bei einem weiteren Treffen im Oktober bot Herr Zander auch seine Kontakte zu den Verantwortlichen für Besichtigungen des DB-Werkes Kassel und des Bombardier-Werks am ehemaligen Henschel-Standort in Kassel-Mittelfeld bei unserer geplanten Studienfahrt 2015 an. Als er nun am „Nikolaustag“ des letzten Jahres zu uns in das Haus der AV Alania kam, konnte er auch die Bestätigung dieser Besichtigungstermine mitbringen!

Der Vortrag am 6. Dezember bestand aus zwei Teilen: Im ersten Teil, der mit Power-Point-Schautafeln und zahlreichen Bildern unterlegt war, stellte Herr Zander zunächst sich und das Henschel-Archiv vor und skizzierte die – mehr oder weniger intensive ─ Zusammenarbeit der drei Einrichtungen auf dem Gelände des 1873 erbauten ehemaligen Henschel-Werks 2 (Kessel- und Hammerschmiede) im Kasseler Ortsteil Rothenditmold.

Neben dem Archiv sind dies ein kleines Firmenmuseum, im gleichen Bürogebäude gelegen, und das 2010 gegründete Technik-Museum Kassel, das in mehreren ehemaligen Fabrikationshallen und auf dem Werkshof historische Fahrzeuge – vom Holzmodell der ersten Henschel-Lok (Drache, 1848) bis zum Thyssen-Henschel-Transrapid der 1990er-Jahre ausstellt. Seit Ende 2014 sind dort auch die von der Kasseler Verkehrs-Gesellschaft KVG überlassenen musealen Straßenbahnfahrzeuge zugänglich. Durch die unterschiedliche Trägerschaft und divergierende Organisationsinteressen pflegt dieses Technik-Museum leider keine engen Kontakte zu dem Archiv und dem Museum. Gleichwohl haben wir natürlich vor, alle drei Einrichtungen in unserem Besuchsprogramm 2015 zu berücksichtigen.

Dass das Henschel-Archiv in seiner heutigen Form überhaupt existiert und über schier unglaubliche Schätze aus der Lokomotivtechnik-Geschichte verfügt, ist eigentlich ein Wunder, denn das ehemalige Weltunternehmen Henschel wanderte im Laufe der letzten gut 50 Jahre aus dem Besitz der gleichnamigen Familie mehrfach in andere Hände, wurde aufgespalten und verlor schließlich fast vollständig seine ursprüngliche Identität.

Das Firmenarchiv mit Hunderttausenden von Zeichnungsblättern, Fotografien, Finanzakten und einem, bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückreichenden Bestand an technischen Fachzeitschriften blieb aber von diesen Besitzwechseln weitgehend unangetastet. Der Verfasser dieses Rückblicks konnte sich bei zwei Besuchen von der unglaublichen Fülle des historischen Materials überzeugen, das auch Unterlagen der Lokomotivfabriken enthält, die ihre Fertigung um 1930 in der Wirtschaftskrise an Henschel abgegeben haben (z.B.: Hanomag, Linke-Hoffmann, Hagans).

Leider lässt dessen Erschließung und systematische Unterbringung – zum Kummer von Herrn Zander – zu wünschen übrig, da die finanziellen und personellen Mittel dazu bisher zu gering waren und sind. Immerhin ist ein Großteil des Zeichnungsbestands jetzt in günstig erworbenen Stahlschränken untergebracht. Interessenten, z.B. aus der Modellindustrie, erhalten gegen Bezahlung Kopien der Unterlagen. Ebenso gibt es ein großes Fotoarchiv, aus dem jedermann Lokomotivbilder bestellen kann. Aktuell hat das Mannheimer Großkraftwerk Unterlagen zur Restaurierung einer Dampfspeicherlok angekauft.

Peter Zander gab uns mit einer Auswahl aus dem Zeichnungsbestand einige Kostproben der wertvollen Dokumente über rund 150 Jahre Lokomotivbau-Geschichte. Darunter sind z.B. eine der ersten preußischen Heißdampfmaschinen, die Kuhn-Wittfeld-Schnellfahrlok, die 61 001 des Henschel-Wegmann-Zugs und die Dampfmotorlok 19 1001 der DRB. Von letzterer hatte er auch eine Aufnahme aus dem Jahr 1945, als Henschel diese beschädigte Stromlinienlok im Auftrag der amerikanischen Besatzungsmacht wieder in fahrfähigen Zustand versetzte. Bekanntlich wurde sie in die USA transportiert, dort aber leider später verschrottet. Wohl keiner von den Anwesenden wusste, dass Henschel in den 1950er-Jahren sogar noch Entwurfszeichnungen für eine neue Dampfmotorlok angefertigt hat, die Herr Zander vorführen konnte.

Im zweiten Teil seines Vortrags gab es einen kurzen Abriss der Henschel-Firmengeschichte von der Gründung des Unternehmens als Gießerei durch Georg Christian Carl Henschel während der französischen Besatzung im Jahre 1810 bis zum Verkauf durch Oscar Robert Henschel im Jahre 1957. Auch dabei illustrierte Herr Zander besonders markante Stationen der Firmenhistorie durch Bildmaterial und erinnerte an die „Diversifizierung“ unter dem letzten Familienmitglied an der Unternehmensspitze: 1925 wurden die ersten Omnibusse gebaut, 1933 entstanden die Henschel-Flugzeugwerke in Berlin und 1937 die Henschel-Flugmotorenwerke in der Kasseler Randgemeinde Altenbauna, auf deren Gelände heute das VW-Werk Baunatal steht. Auch war Henschel während des 2. Weltkriegs in die Panzerproduktion integriert. Bei der Zerstörung Kassels durch alliierte Flugzeuge im Oktober 1943 wurden alle Werke schwer beschädigt. Heute gibt es nur noch in der Halle M43 des Werks Mittelfeld eine Lokomotivmontage des Herstellers Bombardier Transportation. Ein großer Teil des Geländes, das nach dem Kriege der Henschel-LKW-Produktion diente, wird seit deren Übernahme 1969 von Mercedes-Benz genutzt. Aktuell werden dort LKW-Achsen gefertigt.

Herzlicher Beifall am Ende des Vortrags dankte dem Referenten für diesen inhaltsreichen und kompetent wie kurzweilig präsentierten Beitrag zu unseren Saalveranstaltungen. Der Vorsitzende schloss sich im Schlusswort diesem Dank an Herrn Zander an und ermunterte die anwesenden Verkehrsfreunde, möglichst zahlreich an der Studienfahrt 2015 teilzunehmen und dabei das Henschel-Archiv selbst in Augenschein zu nehmen.

 

 

Verkehrsfreunde Stuttgart e.V.

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