VERKEHRSFREUNDE STUTTGART E.V.
VERKEHRSFREUNDE STUTTGART E.V.

Von den Kasseler Bergen durch die Soester Börde bis ins Bergische Land

Studienfahrt vom 05. bis 12.07.2015

Diesen Sommer also acht Tage „nur“ in Deutschland – nach den Auslandszielen der letzten drei Jahre (Österreich 2012, Süditalien 2013 und Graubünden 2014) wollte der Vorstand der Verkehrsfreunde Stuttgart, allen voran Roland Braun, ganz bewusst eine südlich der Mainlinie eher unbekannte und scheinbar unspektakuläre vaterländische Region ansteuern. Ein harter Kern wusste natürlich, dass es dort eine Fülle landschaftlicher und städtebaulicher Schönheiten gibt und dass man dort Schienenverkehrs-Spezialitäten antrifft, die der mit dieser Gegend wenig Vertraute gar nicht erwartet. Vorab gesagt: Das Konzept ging voll und ganz auf. Über 70 Verkehrsfreunde nahmen an dieser Studienfahrt teil, wobei einige wenige nur bestimmte Programmteile mitmachten. Gerade diese Wahlfreiheit trug offenbar zu der hohen Akzeptanz bei, die, nebenbei bemerkt, dazu führte, dass auch unsere Kalkulation aufging und wir sogar noch vor Fahrtbeginn den Grundpreis deutlich reduzieren konnten.

Es sei auch an dieser Stelle noch einmal darauf hingewiesen, dass Sonderfahrten mit Großfahrzeugen auf DB-Strecken wie auch museale Exklusivfahrten ein gewaltiger Kostenfaktor sind, der nur bei entsprechender Beteiligung einen erträglichen Angebotspreis ermöglicht. Den weitaus größten Kostenblock bilden jedoch die Übernachtungs- und Verpflegungskosten. Bezogen auf die Studienfahrt 2015 mit einem kalkulierten Gesamt-Umsatz von rund 70.000 € bedeutet dies in Prozent:

Hotel und gesamte Verpflegung        52 % DB-Fahrkarten                                           9 %
Sonderzüge, Transfers, Führungen  32%

Sachkosten, Reserve                                

(unvorhersehbare Kosten)                        7 %

Mitgliederhauptversammlung näher zu erläutern und damit auch auf gelegentliche Klagen über das Preisniveau derartiger Unternehmungen zu antworten.

Die einwöchige Studienfahrt ist zur Freude des Organisationsteams bei den Beteiligten offenkundig sehr gut „angekommen“. Immer wieder wurde geäußert, man sei froh, diese in der eigenen Wahrnehmung zuvor etwas „unterbelichtete“ Region mit ihren sympathischen Menschen, kulturellen Höhepunkten und verkehrstechnischen Besonderheiten einmal näher kennengelernt zu haben. Wie oben schon erwähnt, war es eine heiße und gewittrige Zeit, die aber auch mit einigen Ausnahmen gute Fotografier-Bedingungen bot. Es war dafür gesorgt, dass mit reichlichem, oft inklusivem Getränkeangebot die hohen Temperaturen gut vertragen wurden, und in der zweiten Wochenhälfte mäßigte sich das Wetter zusehends. Nur eine Hoffnung wurde enttäuscht: dass dies für die Fahrtorganisation und -planung ein leichterer „Spaziergang“ werden würde. Selten musste vor Fahrtantritt und noch vor Ort so viel neu geklärt, umgestellt und improvisiert werden.

Es ist gut, wenn die Teilnehmer dies nicht so realisiert haben, und unsere Partner bei den Verkehrsbetrieben haben im Rahmen ihrer Möglichkeiten bei der Überwindung von Schwierigkeiten auch gut kooperiert. Sonst wären solche sensationellen Aktionen wie die erfolgreiche Fotoverfolgung des Warsteiner Bierzuges auf der WLE nicht möglich gewesen. Vor den Leistungen der Ehrenamtlichen der beteiligten Vereine (Henschel- und Technikmuseum Kassel, Hessencourrier, Hammer Eisenbahnfreunde, Obus-Museum Solingen und Verkehrshistorische Arbeitsgemeinschaft EVAG) kann man nur den Hut ziehen, und wir wollen dies auch durch Spenden für ihre verdienstvolle Tätigkeit untermauern.

Soweit ein Rückblick „aus größerer Höhe“. Wir haben vor, wie schon seit vielen Jahren praktiziert, auch zu dieser vielfältigen und farbigen Exkursion einen ausführlichen, illustrierten Fahrtbericht herauszubringen, der es auch denen, die nicht dabei sein konnten, ermöglichen wird, das gesamte Programm im Detail nachzuvollziehen und sich über geschichtliche und technische Hintergründe zu informieren. Verständlicherweise brauchen wir dazu noch einige Monate. An dieser Stelle ist es nicht möglich und sinnvoll, alle Besichtigungen und Fahrten im Einzelnen zu referieren, denn das würde den Rahmen eines Rundschreibens sprengen und letzten Endes den Fahrtbericht vorwegnehmen. Ich möchte stattdessen, zugebenermaßen subjektiv, einige besonders interessante Höhepunkte erwähnen:

Gleich am Anfang standen nach einhelliger Meinung die Wasserspiele im Bergpark Wilhelmshöhe zu Füßen des Kasseler Wahrzeichens, des Herkules am Hang des Habichtswalds. Glücklicherweise hielt der Wettergott das sich zusammenbrauende Unwetter noch etwas zurück. So fehlte wegen dunkler Wolken zwar teilweise das optimale Fotolicht für die zu Tal rauschenden und spritzenden Wasser. Aber auch so begeisterten sich die Verkehrsfreunde inmitten hunderter Zuschauer an den Kaskaden, Wasserfällen samt Teufelsbrücke, Aquaedukten und der am Ende über 50 Meter hoch aufschießenden Fontäne inmitten einer traumhaften Garten- und Waldlandschaft. Roland Braun, der am nächsten Tag eine wichtige dienstliche Besprechung wahrnehmen musste, war eigentlich dieses Spektakels wegen schon am Sonntag mit nach Kassel gekommen. Er sagte hinterher, wenn er das verpasst hätte, hätte er sich sehr geärgert.

Die Wasserspiele nahmen während unserer anschließenden Straßenbahnfahrt eine unerwünschte Fortsetzung. Mitten in der engagiert durchgeführten Stadtrundfahrt auf Schienen erlebten wir einen Regenschauer, ergänzt mit kleinen Hagelkörnern. Davor und danach konnten einige Fotogelegenheiten an besonderen Orten wahrgenommen werden.

Nächster Höhepunkt war nach Kasseler Museumsbesuchen, Werksbesichtigung und Stadtrundgang die Sonderfahrt mit dem Dampfzug des Vereins „Hessencourrier“ auf der Strecke der Kassel-Naumburger Eisenbahn. Für jeden historisch Interessierten war es eine Freude, mit dem Fünfkuppler (Krauss-Maffei, Baujahr 1941) Nr. 206 und Personenwagen aus der Erbauungszeit der Bahn Anfang des 20. Jahrhunderts eine wirklich stilechte und hervorragend gepflegte Zuggarnitur in ihrem Originaleinsatzgebiet zu erleben. Die landschaftlich schöne Strecke mit kräftigen Steigungen und weiten Kurven, die Bereitschaft des ehrenamtlichen Zugpersonals zu zahlreichen Fotohalten und Scheinanfahrten und die überreichliche Verpflegung mit Speisen und Getränken machten diese Sonderfahrt zu einem großartigen Erlebnis und unbeschwerten Vergnügen. Unmengen von Fotos und lange Filmstrecken müssen an diesem vierten Tag unserer Exkursion entstanden sein. Einhellige Meinung: Eine der schönsten Museumseisenbahnen Deutschlands!

Die Altenbekener Viadukte haben bei Eisenbahnfotografen mittlerweile eine Art Kultstatus erlangt, und die Gemeinde, auf deren Gebiet sie liegen, pflegt diesen mit Bahnhofsfesten und nächtlicher Illumination. Somit waren sie sicher auch einer der Hauptgründe für manche, an unserer Fahrt teilzunehmen. Dass wir sie aber gleich an zwei Tagen und in sehr unterschiedlicher Konstellation erleben und fotografieren konnten, wusste kurz vor Fahrtbeginn noch niemand. Eigentlich sollte die größere der beiden malerischen Steinbogenbrücken „nur“ der entfernteste Punkt einer großen Rundfahrt sein, die von dem Bahnknoten Altenbeken noch nach Brilon, Korbach und Zierenberg (mit einer weiteren schönen Steinbogenbrücke!) führte. Die fand auch genauso statt und brachte den Fotografen dank Roland Brauns perfekter Erkundung und Regie gleich mehrere tolle Standorte und eine sehenswerte Zugparade. Da sich die ursprüngliche Idee, mit dem historischen Zug der Hammer Eisenbahnfreunde (HEF) am Samstag auf der Westfälischen Landeseisenbahn (WLE) von Lippstadt nach Warstein zu fahren, zu unserem Kummer wegen dort kurzfristig angesetzter Bauarbeiten nicht realisieren ließ, kam Altenbeken aber noch ein zweites Mal ins Spiel – und wie!

Die Hammer (eigentlich ja Villinger) V 200 033 mit ihren Umbau-Dreiachsern aus den 1950er und 1960er Jahren fuhr nun ersatzweise statt über den Haarstrang auf der ehemaligen „Königlichen Westfälischen Eisenbahn“ von Hamm über Soest, Lippstadt und Paderborn auch wieder nach Altenbeken und überquerte dabei insgesamt viermal beide Altenbekener Viadukte.

Zu Fuß und mit dem extra gecharterten Sonderbus konnten die Fotobegeisterten sowohl die bekannten Aussichtspunkte des Montags noch einmal erreichen und zusätzlich solche am sogenannten kleinen Viadukt bei Neuenbeken. Damit gab es nicht nur Planzüge, sondern auch eine nostalgische Epoche III-Garnitur in diesem Ambiente zu sehen und zu fotografieren. Bei besten Lichtverhältnissen gab es deutliche Bezeugungen von Glücksgefühlen! Schade, dass zwei Eisenbahnfreunde wegen dieser Programmänderung ihre Teilnahme wieder abgesagt hatten! Fast durchweg herrschte nämlich die Meinung vor, die „Ersatzlösung“ sei mindestens so attraktiv gewesen, wie das ursprünglich vorgesehene Arrangement.

Dass die HEF-Mitglieder, wie schon am Vortag bei der Fahrt mit der ehemaligen Zechenlok „Radbod 3“ und einer „Donnerbüchsen“-Garnitur wieder alles taten, um uns jeden möglichen Wunsch zu erfüllen und geradezu rührend für unser leibliches Wohl sorgten, verdient noch besonders festgehalten zu werden! Roland Braun war denn auch zu Recht stolz auf seine alten Vereinskameraden, und der Abschied auf dem Bahnhof Hamm mit Gruppenfoto nahm bald Züge einer Verbrüderung an.

Glücklicherweise bedeutete die WLE-Streckensperrung am Samstag keineswegs, dass uns die landschaftlich schöne und betrieblich anspruchsvolle Strecke der Westfälischen Landeseisenbahn zwischen Lippstadt und Warstein mit dem Höhepunkt der Haarstrang-Überquerung zwischen Erwitte und Belecke an der Möhne entgangen wäre. Ganz im Gegenteil! Von einem historischen MAN-Linienbus der 1970er Jahre aus erreichten wir am Freitag einige exzellente Standorte am sogenannten „Westfälischen Semmering“, von denen man den Planverkehr der WLE, der sich ja hauptsächlich um den Kalksteintransport von den Brüchen in Warstein nach Neubeckum zu den dortigen Zementwerken dreht, beobachten und fotografieren konnte. Hierbei kamen uns Rolands akribische Vorbereitungsreisen wie die Geländekenntnisse und Fahrkünste unseres Fahrers Rainer Oesterheld auf engen Straßen und Feldwegen sehr zustatten. Um es auf die Spitze zu treiben, fuhr just an diesem Tag die WLE einen vollbeladenen 34 Wagen-Zug mit 40‘-Containern der Warsteiner Brauerei auf seinem Weg nach München uns zwischen dem Abgangsort und der Haarstranghöhe zweimal vor die Linse: Je eine vierachsige Diesellok an der Spitze und am Schluss brachten die Wagenschlange durch die Serpentinen und über die Steilrampe, und wir waren stets genau zum richtigen Zeitpunkt zur Stelle! Eisenbahnfreunde-Herz, was willst Du mehr? Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass die Verfolgung eines Steinzugs zwischen Belecke und Liesborn und Anschlussgleisbedienung der Zementwerke in Erwitte die Szenerie dieses interessanten Tages abrundeten.

Erfreulich großen Zuspruch hatten die angebotenen Stadtführungen in Kassel, Paderborn, Korbach, Soest und Lippstadt, die durchweg begeistert haben.

Von unserem zweiten Übernachtungsort Hamm aus wurde Deutschlands größter Obus-Betrieb in Solingen besucht. Mit zwei historischen Fahrzeugen befuhren wir einen Teil des Netzes und konnten im Stadtteil Burg das Drehen unserer Obusse auf der letzten, weltweit noch existierenden Obus-Drehscheibe miterleben. Ein Besuch der Wuppertaler Schwebebahn war als ein „Muss“ ins Programm aufgenommen worden. Die ursprünglich geplante Fahrt mit dem „Kaiserwagen“ musste jedoch leider entfallen, stattdessen konnten wir ausgiebig in der Werkstatt und im Depot in Vohwinkel den Erläuterungen zweier Mitarbeiter folgen, die uns ihr besonderes Verkehrsmittel näher brachten.

Den Abschluss der Studienfahrt bildete eine „Tour de Ruhr“ auf Schiene und – baustellenbedingt – Straße. Als Gäste bei der Verkehrshistorischen Arbeitsgemeinschaft EVAG fuhren wir zunächst mit zwei historischen Triebwagen von Bochum aus nach Gelsenkirchen, dann per Schienenersatzverkehr durch Essen zum dortigen Betriebshof Mitte. Von dort aus ging es mit dem dritten Sonderzug nach Mülheim an der Ruhr in die unterirdische Haltestelle des Hauptbahnhofs, wo unsere Sonderfahrt endete. Begleitet wurden wir den ganzen Tag von einem der wenigen noch erhalten gebliebenen Anderthalbdecker-Omnibusse (Baujahr 1972), was uns die eine oder andere gelungene Fotoaktion zusammen mit den historischen Straßenbahnen ermöglichte.

Damit möchte ich den schlaglichtartigen Rückblick auf die Studienfahrt nach Hessen und Nordrhein-Westfalen für heute abschließen. Ausführlicher und mit vielen schönen Bildern werden wir die Fahrt in einem gedruckten Fahrtbericht darstellen. Dann können Sie auch mehr über die von uns besuchten Bahnen und Städte erfahren – und natürlich wird auch über die eine oder andere Anekdote links und rechts der Bahnen berichtet.

Verkehrsfreunde Stuttgart e.V.

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