VERKEHRSFREUNDE STUTTGART E.V.
VERKEHRSFREUNDE STUTTGART E.V.

Rückblick von Rüdiger Frey

Aufnahmen von Rainer Vogler

Sonntag, 19.06.2016

Die historische Karlsruher Straßenbahnflotte – Oldtimerparade und Besichtigung des Fahrsimulators der Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK)

Wieder hatte unser Ehrenmitglied Gerhard Schnaitmann seine Schatztruhe geöffnet, um den Verkehrsfreunden Stuttgart e.V. eine einmalige Veranstaltung zu bieten: eine exklusive Parade der betriebsfähigen Museumsfahrzeuge der Fächerstadt. 60 Teilnehmer folgten ihm mit dem planmäßigen IRE 4902 auf der sog. Residenzbahn nach Karlsruhe. Nach einer angenehmen Fahrt auf den schon fast obligatorisch reservierten Plätzen empfingen uns im „Gleichstromteil“ des Bahnhofs Durlach die ersten Mitglieder des „Treffpunkt Schienennahverkehr Karlsruhe e.V.“ (TSNV). Der Transfer vom Bahnhof Durlach zum Betriebshof Tullastraße fand standesgemäß in der Holzklasse statt.

Wenige Minuten nach unserer Ankunft wurde schon der historische Achtachser 213 der VBK bereitgestellt, der uns sogleich zum Betriebshof brachte. Hier war bereits ein Teil der Fahrzeuge für uns vor den historischen Hallen aufgestellt. Nach einer kurzen Ansprach des technischen Geschäftsführers von VBK und AVG, Herrn Ascan Egerer und des TSNV servierten uns Roslyn und Jörg Schnaitmann zwischen abgestellten Fahrzeugen ein zweites Frühstück. Im Anschluss war es für die Fotografen Zeit, sich an der Strecke zwischen Tullastraße, dem neuen Friedhof und der Haltestelle Hirtenweg zu verteilen. Hier am Hirtenweg befand sich einst die Wagenhalle der meterspurigen Karlsruher Lokalbahn, die Karlsruhe mit Spöck, Daxlanden und Durmersheim verband. Selbstverständlich konnten außer dem Tw 14 und dem Arbeitszug alle Wagen auch bei einer Mitfahrt live erlebt werden, wovon viele Teilnehmer regen Gebrauch machten.

Schon kurze Zeit später machte der Triebwagen 14 den Auftakt. Dieser 1899/1900 von der Firma Herbrand in Köln erbaute Triebwagen, wird auch Akkumulatorenwagen genannt. In der Tat waren diese Wagen bis 1903 in der Karlsruher Innenstadt mit Akkumulatoren unterwegs. Geladen wurden sie bei der Fahrt unter Oberleitung sowie an Ladestellen am alten Hauptbahnhof und am Mühlburger Tor. Hier verdeutlicht sich die Innovationfreudigkeit der Karlsruher bis hin zum Karlsruher Modell. Über 100 Jahre später kommt diese Technik mit Akkumulatoren nun langsam zur Serienreife. Der Wagen stellt heute den Zustand von 1915 (ohne Batterien) dar.

Ihm folgte der legendäre Karlsruher Spiegelwagenzug mit Triebwagen 100 und Beiwagen 298. Beide Fahrzeuge entstanden 1930 in der Waggonfabrik Rastatt für Karlsruhe. Für die Neubaustrecken nach Daxlanden und zur Rheinstrandbad wie auch zur Ablösung von altem Wagenmaterials wurde diese verlängerte Version des sog. Residenzwagens entwickelt. Die nun breiteren Fensterstege erhielten im Innenraum eine Verzierung mit ovalen Spiegeln, daher der populäre Name „Spiegelwagen“. Ab 1970 wurden sie durch die neuen Gelenktriebwagen ersetzt. Triebwagen 100 fuhr von 1969 bis 1987 als Arbeitswagen Tw 71 bei der AVG, während Bw 298 eigentlich der ehemalige Tw 101 ist. Dieser überlebte als Rangierwagen in der Hauptwerkstatt und wurde in Ermangelung eines echten Beiwagens 1987 zum Beiwagen 298 umgestaltet. Dieser Zug stellt den Zustand der 1930er Jahren dar.

Nächster Star war der Breitraumwagenzug mit Triebwagen 439 und Beiwagen 139. 1958 bzw. 1961 entstand dieser Zug bei der Waggonfabrik Rastatt unter Verwendung einzelner Teile aus dem DUEWAG-Großraumwagenprogramm. Nach einem kurzen Einsatz auf der Albtalbahn nach deren Umspurung bis Karlsruhe-Rüppurr, kamen diese Wagen bis 1984 im Stadtnetz zum Einsatz. Sie stellen den Zustand der 1970er Jahren dar.

Nun folgte der Stahlumbauwagenzug Triebwagen 95 + Beiwagen 299. In den 1950er Jahren erhielten einige Spiegelwagen eine umfassende Aufarbeitung mit einem Stahlwagenkasten. Diesen Zustand der 1950er Jahren stellen diese beiden Wagen dar. Auch der Beiwagen 299 entstand durch einem Umbau aus einem Triebwagen, nämlich dem ursprünglichen Tw 99.

Pünktlich um die Mittagszeit trat der legendäre Kriegsstraßenbahnwagen (KSW) 115 in Erscheinung. Nach der Erprobung des Prototyps 1943 in Berlin (noch bei der Woltersdorfer Straßenbahn vorhanden) wurde dieser Typ bis Kriegsende in recht großer Stückzahl hergestellt. 1946 nahm die Waggonfabrik Fuchs in Heidelberg die Produktion wieder auf, und so konnte 1948 Karlsruhe fünf Triebwagen erwerben. Noch bis 1981 waren diese im Pendelverkehr bei Bauarbeiten oder zwischen Daxlanden und Rappenwörth im Einsatz. Erst dann wurden sie durch gebraucht gekaufte Zweirichtungsachtachser aus Dortmund ersetzt. Nach einem Unfall erwarb Karlsruhe 1971 noch drei gleichartige Fahrzeuge von der ÜSTRA Hannover. Diese sind noch als ein Kurvenschmierwagen oder völlig verändert als Schneepflug im Bestand.

Der nun folgende sechsachsige Straßenbahngelenktriebwagen 167 wurde 1963 bei der Deutschen Waggon- und Maschinenfabriken GmbH (DWM) in Berlin gebaut. Nachdem sich zuvor die AVG für DUEWAG-Achtachser entschieden hatte, wählte man für das Stadtnetz gleichartige Fahrzeuge. Die damalige Berlinhilfe zur Förderung der Berliner Wirtschaft sowie die Zugehörigkeit der DWM zu den Industrie-Werke Karlsruhe AG hatten sicher einen nicht geringen Einfluss bei der Herstellerwahl. Jedes Fahrzeug wurde auf einen Berliner Stadtteil getauft, so der Wagen 167 auf den Namen „Reinickendorf“ im damals französischen Sektor Berlins. Etliche Fahrzeuge dieses Typs wurden später mit einem neuen Mittelteil und Drehgestell zu Achtachsern verlängert. Dieser Wagen repräsentierte die 1980er Jahre.

Nachdem uns nochmals der beliebte KSW Wagen vorgeführt wurde, kam eine nicht geplante Überraschung zum Einsatz. Der Arbeitswagen 494 mit zwei zweiachsigen offenen Wagen machte die Runde. Er entstammte der schon erwähnten Breitraumwagenserie und verdient sich nun sein Gradenbrot im Arbeitzugeinsatz.

Nach Gründung der Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) bestellte diese für die in der Umspurung begriffenen Strecken nach Bad Herrenalb und Langensteinbach achtachsige Gelenktriebwagen bei DUEWAG und gleichartige sechsachsige Triebwagen bei der Waggonfabrik Rastatt. Der farbenfrohe Tw 12 stellt einen 1959 in Rastatt gebauten Triebwagen dar, welcher 1964 mit einem von DUEWAG hergestellten Mittelteil zum Achtachser verlängert wurde. Dies kann man noch immer an den unterschiedlichen Fenstern gut erkennen. Mit seinen sog. Popfarben vermittelte er die 1970er und 80er Jahren im Albtal und der späteren Hardtbahn nach Neureut. Zwischen 1983 und 1986 wurden diese dann auf der Linie A von den damals neuen Hochflurstadtbahnwagen abgelöst die nun selbst im kommenden Jahr ausgemustert werden. Ab da erfolgte noch für ein paar Jahre der Einsatz im Karlsruher Stadtnetz.

Der ebenfalls zur Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) gehörende Triebwagen 4 befuhr die Strecke im Schlepp von Wagen 167. Triebwagen 4 gehört zu den schon beschriebenen original DUEWAG Achtachsern der Albtalbahn aus dem Jahre 1958. Im Gegensatz zum Tw 12 besitzt er noch die original runden Scheinwerfern und die Lackierung der 60er Jahren. Das damalige Firmensignet auf der Seitenfläche mit der stilisierten Pyramide am Karlsruher Marktplatz und der Schwarzwaldtanne, welche die AVG verbindet, war einen Extrablick sicher wert.

Nun folgte Tw 213, welcher uns schon vom morgendlichen Transfer bekannt war. Trotz Holzsitzen und seinem 50er Jahr Aussehen ist er eigentlich gar kein so sehr historisches Fahrzeug. Er erblickte erst 1978 bei der Waggon Union GmbH(WU) in Berlin als Sechsachser das Licht der Welt. 1980 wurde auch er durch Einfügen eines Mittelteils zum Achtachser umgebaut. Noch bis 2015 waren diese Fahrzeuge im Innenstadtbereich im Einsatz. Auch er hörte auf den Namen eines Berliner Stadtteils: Schönholz (Pankow) im damaligen sowjetischen Sektor.

Das nun am modernsten wirkende Fahrzeug kam zum Schluss. Hinter Tw 124 verbirgt sich der ehemalige Tw 24 der AVG. 1975 musste die AVG anlässlich der Streckenverlängerung von Langensteinbach nach Ittersbach noch zusätzlich vier Triebwagen anschaffen. Diese in den neuen AVG Popfarben gelb/grün gelieferten Fahrzeuge wurden wiederum von der Waggon Union GmbH(WU) in Berlin gebaut. Damit sie mit den übrigen Fahrzeugen der AVG kompatibel waren, wurden sie mit der damals schon recht alten Technik der Vorgängerserien unter einem modernen „Blechkleid“ ausgestattet. Ähnliche Fahrzeuge beschaffte auch über viele Jahre die HEAG in Darmstadt. Sein Spitzname „Badewanne“ erklärt sich durch die vertieften Armauflagen in der Seitenwandverkleidung. Als letztes betriebsfähiges Fahrzeug dieser Kleinserie verkehrt er aktuell noch bis Juli im Planverkehr.

Im Anschluss brachte der der schon bestens bekannte KSW-Wagen wieder alle Teilnehmer zum Betriebshof Tullastraße. Schon während der Parade versorgten uns hier Roslyn und Jörg Schnaitmann samt Nachwuchs mit Essen. Dafür nochmals unser großer Dank.

Während die ersten Teilnehmer schon die Heimreise antraten, war für über 40 Verkehrsfreunde der nächste Höhepunkt gekommen: die Besichtigung des neuen Fahrsimulators der VBK. In einem unscheinbaren Raum stand das Kopfteil eines Zweisystem-Stadtbahnwagens vom Typ ET 2010 mit der Nummer 923. Einige Teilnehmer hatten sogar die Möglichkeit einmal selbst eine kurze Strecke mit dem Simulator zu fahren und den einen oder anderen Unfall zu bauen. Das Fahren von einer ganz anderen Perspektive zu erleben, war hochinteressant. Der sehr real gestaltete Fahrsimulator gehört zur neuesten Generation. Auch die Teilnehmer, die die Geschehnisse im Simulator nur an den Bildschirmen verfolgten, waren sehr beeindruckt.

Nach diesem Programmpunkt starteten weitere Teilnehmer mit der Heimfahrt während der dritte Teil den Tag gemütlich in der nahen Gaststätte „Zum alten Schlachthof“ ausklingen ließen. Nach einem erlebnisreichen Tag kamen auch diese über Karlsruhe-Durlach mit einer minimalen Verspätung gegen 20:45 Uhr in Stuttgart an.

Bedanken möchten wir uns natürlich bei dem Organisator Gerhard Schnaitmann sowie bei dessen Familie. Ein großer Dank geht auch an den technischen Geschäftsführer, Herrn Ascan Egerer, welcher nicht nur den Sonntag für uns opferte, sondern auch die exklusive Sonderfahrt und den Besuch des Fahrsimulators ermöglichte. Ebenso ein großer Dank und ein großes Lob an all die Helfer des TSNV und der VBK/AVG für ihren Einsatz. Ohne deren Einsatz wäre es nicht möglich gewesen, so viele Sonderzüge in dieser Zeit einsetzten zu können.

Verkehrsfreunde Stuttgart e.V.

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