VERKEHRSFREUNDE STUTTGART E.V.
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18.09.2016      Studienfahrt zur Basler Tram, unter anderem Fahrt nach Weil am Rhein

Rückblick von Rüdiger Frey

Aufnahmen von Rainer Vogler

Es bedarf schon eines besonderen Ziels, wenn knapp 60 Verkehrsfreundinnen und Verkehrsfreunde eine sonntägliche Abfahrt um 6.47 Uhr im Stuttgarter Hauptbahnhof nicht scheuen. Unser Ehrenmitglied und Organisator Gerhard Schnaitmann hatte sicher in den letzten Wochen einige schlaflose Nächte hinter sich gebracht. Die schon recht lange vorbereitete Studienfahrt zur Basler Tram wurde von einer kurzfristig angekündigten Nachtbaustelle auf der Gäubahn überschattet. Nur durch die Vorverlegung der Abfahrt in Stuttgart um 30 Minuten konnte der IRE in Singen um 10.02 Uhr erreicht werden.

Bei regnerischem Wetter machten wir uns bei Dunkelheit pünktlich im Stuttgarter Hauptbahnhof auf den Weg Richtung Süden. Um 7.43 Uhr erreichte unser Zug Horb. Nach kurzer Umsteigezeit begann der eigens für die Verkehrsfreunde bereitgestellte Bus seine Fahrt nach Oberndorf. Während der planmäßige Ersatzverkehr einen Zwischenhalt in Sulz am Neckar einlegte, fuhren wir direkt zum nächsten Umsteigehalt. Unterwegs konnten in der Tat die Bautätigkeiten auf der Gäubahn beobachtet werden. Beim Umstieg in Oberndorf wurden wir in gewohnter Form mit Reiseproviant von Jörg Schnaitmann versorgt. Hier unser besonderer Dank auch an Roslyn, Gabriel und Jörg Schnaitmann. Die Einreisebedingungen in die Schweiz machten es auch notwendig, dass die gesamte „Tagesration“ hier schon in Empfang genommen werden musste.

In der nun verkehrenden 425er-Doppeltraktion hatten die Verkehrsfreunde reichlich Platz und Zeit, das zweite Frühstück einzunehmen. Ab Singen ging es nun mit einem Triebwagen der Baureihe 611 weiter durch den Kanton Schaffhausen und über die Hochrheinstrecke. Dieser auch schon zur Abstellung vorgesehene Triebwagen konnte nochmals eindrucksvoll auf der teilweisen kurvenreichen Strecke seine bogenschnelle Fahrweise zeigen. Nicht nur der Rheinfall, auch der zweigleisige Ausbau mit zum Teil neu gebauten Formsignalen auf dem Schweizer Abschnitt waren einen Blick wert. Pünktlich um 11.16 Uhr erreichten wir den Badischen Bahnhof in Basel.

Am Bahnhofsvorplatz begrüßten uns die Mitarbeiter der Basler Verkehrsbetriebe (BVB) und weitere Fahrtteilnehmer, die über Karlsruhe angereist waren.

Es erwartete uns sogleich ein Highlight: Unsere Fahrt über die Wettersteinbrücke – Bankverein – Barfüßerplatz – Schiffslände – St. Johann – Dreirosenbrücke – Kleinhüningen nach Weil am Rhein erfolgte mit einem für diese Strecke völlig ungewöhnlichen Fahrzeug, nämlich mit einem Be 4/4 + B4S. Eigentlich wird die Linie 8 nach Weil am Rhein nur mit den für den grenzüberschreitenden Verkehr eigens umgerüsteten Be 6/8 301-328 (Siemens 2000-2002, Typ Combino) oder den schon ab Werk so ausgerüsteten Be 6/8 5001-5044 (Bombardier 2014-2016, Typ Flexity 2) betrieben.

Bei dem von uns mit einer Ausnahmegenehmigung genutzten Be 4/4 489 handelte es sich um einen in den Jahren 1986-1987 gebauten vierachsigen Großraumwagen des Herstellers Schindler, der wegen seiner Form, Größe und Farbe auch auf den Namen „Cornichon“ hört. Die etwas größeren Be 4/6 erhielten sinngemäß den Namen „Guggummere“ („Gurke“). Beim Beiwagen 1492 handelte es sich um einen sog. Schweizer Standardwagen, welche in den Jahren 1967-1972 ebenfalls bei Schindler in großen Stückzahlen entstanden. Bei einer Komplettrevision wurde dieser mit einem Niederflurmittelteil versehen und entsprach so als barrierefreies Fahrzeug den Bedingungen für die Fahrt nach Weil am Rhein. Für die Zulassung der Fahrt auch hier ein Dankeschön an die Technische Fahrzeugaufsicht für Straßenbahnen beim Regierungspräsidium Stuttgart, besonders an Michael Rosenberger.

Es ist schon ein Erlebnis, mit einer Straßenbahn mit Tempo 20 über eine EU-Außengrenze zu fahren. Die erste Haltestelle nach der Grenze weist gleich ein Superlativ auf. Die Haltestelle „Weil am Rhein Grenze“ liegt nicht nur fast in Sichtweite zur französischen Grenze, sie ist auch Deutschlands südlichste Straßenbahnhaltestelle. Bis zur Eröffnung 2014 trug diesen Titel die Haltestelle „Dorfstraße“ im Freiburger Stadtteil Günterstal.

Nach der Durchfahrt durch den Weiler Stadtteil Friedingen erreicht die Strecke nach wenigen Minuten den Bahnhof Weil am Rhein, welcher auf einer Brücke überfahren wird. Gleich danach befindet sich die (vorläufige) Endstation. In der Tat ist hier noch eine Verlängerung ins Stadtzentrum von Weil am Rhein geplant. Auch die jetzige Endschleife soll mit einem Einkaufszentrum überbaut werden, welches von der Tram unterfahren wird. Dank der in Basel recht engen Kurvenradien konnte hier eine für deutsche Verhältnisse enge Wendeschleife mit einem Radius von nur 15 m angelegt werden.

Nach einem ausgiebigen Fotohalt ging es dann wieder in den Kanton Basel-Stadt zurück und über Kleinhüningen – Dreirosenbrücke – Messeplatz – Claraplatz – Mittlere Brücke – Barfüsserplatz – Aeschenplatz zum Betriebshof Dreispitz. Nachdem jeder Teilnehmer noch mit einer Sicherheitsweste ausgestattet worden war, konnte mit der Besichtigung begonnen werden. Etliche Museumstrams standen vor und in der Halle. Im Gleisvorfeld standen neben einem Be 4/6 noch einige Schweizer Standardwagen der Reihe Be 4/4 mit Beiwagen. An der nahen Haltestelle „M Parc“ boten die neuen Be 6/10 (Stadler Tango) der BLT (Baselland Transport AG) einen eindrucksvollen Kontrast zu den klassischen Trambahnzügen. Ähnliche Fahrzeuge beschaffte auch Genf, und die Appenzeller Bahnen haben die gleichen bestellt. Ursprünglich wollten auch die BVB diese formschönen Fahrzeuge beschaffen. Sie entschieden sich dann aber für den Bombardier Flexity 2.

Die nun folgende Sonderfahrt verlief in zwei Gruppen. Zug 1 mit Be 2/2 190 (Baujahr 1927) und B 3 1303 (Baujahr 1933) befuhr die Strecke Denkmal – Aeschenplatz – Schänzi – Wartenberg – nach St. Jakob und zum Aeschenplatz. Gruppe zwei bestieg den Be 4/6 S 675 und fuhr über Bahnhof SBB – Messeplatz – Heuwaage – Jakobsberg – Bruderholz – Wolfsschlucht zum Aeschenplatz. Eindrucksvoll ist immer wieder die Fahrt hoch zum Bruderholz. In Serpentinen erklimmt hier das Tram die höchste Erhebung in Basel. Der eine oder andere Fotohalt gelang dank des sehr entgegenkommenden Personals nicht nur hier sondern auch bei der Talfahrt durch die Wolfsschlucht oder später vor dem St. Johanner Tor.

Am Aeschenplatz wechselten die Gruppen und befuhren weitere Teile des Netzes. Beim Museumszug beindruckte besonders das filigrane Fahrgestell des dreiachsigen Beiwagens. Auch der modernere Be 4/6 S 675 aus dem Jahre 1990/91 ist schon fast historisch. Diese bei Schindler ursprünglich als zweiteilige Sechsachser Be 4/6 gebauten Fahrzeuge wurden zwischen 1997 und 1999 mit einem niederflurigen Mittelteil (Sänfte) verlängert und zu Be 4/6 S umgebaut. Die Tage der 28 sehr laufruhigen Fahrzeuge sind in Basel jedoch gezählt. Sie werden in den nächsten Wochen und Monaten ihre neue Heimat im bulgarischen Sofia erreichen und dort auf dem 1009 mm-Schmalspurnetz für einen guten Fahrkomfort sorgen.

Zum Schluss befuhren wir noch ein Teil der Linie 6 in Richtung Riehen. Zwischen 1919 und 1967 schloss sich hier die Lörracher Straßenbahn an. Nach einer kurzen Verabschiedung am Eglisee ging es dem für 16.20 Uhr geplanten Ende der Sonderfahrt am Badischen Bahnhof entgegen. Danken möchten wir allen Beteiligten der BVB, insbesondere Herrn Heinz Teuscher, Leiter des Netzmanagement und Betriebsleiter der Straßenbahn Weil am Rhein für diese gelungene Sonderfahrt, bei der selbst das Wetter ein Einsehen hatte und den prognostizierten Dauerregen etwas verschob.

Ab Basel ging es auf getrennten Wegen zurück. Die erste Gruppe verließ die Stadt im Dreiländereck schon um 16.42 Uhr und fuhr im äußerst gut gefüllten Triebwagen der Baureihe 611 über die Hochrheinstrecke nach Singen zurück. Die eigentlich hier vorgesehene Doppeltraktion mussten wegen Bauarbeiten auf der Südbahn gekürzt werden. Wegen einer Weichenstörung auf der Gäubahn verspätete sich die Ankunft unseres Regionalexpresses in Stuttgart dann um 15 Minuten, was dem ereignisreichen Tag jedoch keinen Abbruch tat.

Nicht so viel Glück hatte die zweite Gruppe, die in Basel noch zwei Stunden zur freien Verfügung hatte. Deren Zug ab Singen wurde schon verspätet bereitgestellt. Bis Stuttgart summierte sich dann die Verspätung auf über eine Stunde. Erst vor Mitternacht erreichten die Teilnehmer den Stuttgarter Hauptbahnhof.

Trotz launischem Wetter war dies eine äußerst gelunge Veranstaltung und es gebührt dem Organisator Gerhard Schnaitmann und seiner Familie sowie allen Beteiligten unser Lob.

Verkehrsfreunde Stuttgart e.V.

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