VERKEHRSFREUNDE STUTTGART E.V.
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03.12.2016 (Un-)Vergessene Bahnen – dokumentiert mit Aufnahmen aus verschiedenen Archiven – zusammengestellt von Bernd Katz und Jörg Zimmer, Referent: Jörg Zimmer

Rückblick von Dr. Peter Hartmann

Wer zählt all die hochinteressanten und in ihrer Art jeweils einmaligen Vorträge, die Jörg Zimmer im Laufe von Jahrzehnten bei den Verkehrsfreunden schon gehalten hat? Unser Ehrenmitglied ist im Laufe seines Lebens viel in der Welt herumgekommen und hat schon in jungen Jahren auf seinen Reisen wie auch im Umkreis seiner jeweiligen Wohnorte regelmäßig Eisen- und Straßenbahnen fotografiert. So hält er es bis heute, und zwangsläufig hat er so ein geradezu enzyklopädisches Bildarchiv zusammengetragen. Aus heutiger Sicht sind darunter vielfach sensationelle Aufnahmen von lange vergangenen, aber einstmals alltäglichen Eisenbahnszenen. Da auch hier die Erkenntnis gilt: „Man sieht nur, was man weiß“, ist es ein wahrer Glücksfall, wenn der Fotograf zugleich ein exzellenter Kenner der bahngeschichtlichen Fakten und zudem ein souveräner und kurzweiliger Redner ist. Wer Jörg Zimmer als Referenten schon öfters miterlebt hat, wird zustimmen. Durch seine Vorträge lernt der Zuhörer immer viel, ohne dabei zu ermüden. Der Grund ist vermutlich der natürliche, scheinbar mühelose, aber konzentrierte Vortrag, der Fakten mit persönlichen Erlebnissen verbindet, und das Publikum dadurch „mitnimmt“.

Einen ebenso wichtigen Anteil am Gelingen des Vortrags am ersten Dezember-Samstag dieses Jahres hat aber Bernd Katz, der weiß, welche Schätze in den Archiven der Verkehrsfreunde schlummern und der diese gern einmal ans Tageslicht befördern wollte. Nicht zuletzt hat ihm seine jahrelange Beschäftigung mit der Ordnung und Digitalisierung der Fotosammlungen von Jürgen Krantz, Otto Blaschke und Peter Pekny diesen Überblick verschafft. Bekanntlich ist er selbst ein nimmermüder, exzellenter Fotograf, der mit den drei Genannten oft auf Fotoexkursionen zusammen war und speziell auf dem Gebiet der Straßenbahnen aus einem enormen Fundus schöpfen kann. Er gewann Jörg Zimmer für das gemeinsame Vorhaben, einmal wieder weit in die Vergangenheit zurückzugehen und sowohl denen, die diese Epoche noch selbst miterlebt haben als auch den Jüngeren, die sie nur aus Büchern oder vom Hörensagen kennen, die unglaubliche, oft exotisch anmutende Vielfalt des Schienenverkehrs der 1950er bis 1980er Jahre vorzuführen.

Nur in wenigen Fällen mussten sie dabei auf fremdes Bildmaterial zurückgreifen. Die eigenen Archive lieferten so viel Stoff, dass die Auswahl das eigentliche Problem darstellte. In mehreren Arbeitssitzungen gelang es ihnen – wie beide bestätigten – manchmal mit geradezu schmerzhaftem Verzicht auf weitere, schöne Motive, einen ausgewogenen, gut nachvollziehbaren und abwechslungsreichen Bildvortrag auf technisch hohem Standard zustande zu bringen. Letzteres ist ja angesichts des Alters der Aufnahmen und der heutigen anspruchsvollen Sehgewohnheiten nicht selbstverständlich. Hier bewährte sich die Beharrlichkeit von Bernd Katz, mit der er alle Bilder – also auch die des Referenten – digitalisiert und aufwendig bearbeitet hat. Aus dieser Zusammenarbeit und durch die Konzentration auf etwa 230 Bilder entstand ein spannender und genussreicher Bildvortrag, mit dem wir unser Veranstaltungsprogramm des Jahres 2016 stilvoll beendet haben.

Eigentlich hatte den beiden Protagonisten ja vorschwebt, eine Art Rundreise zu vergangenen Bahnherrlichkeiten durch ganz Deutschland zu machen (das Gebiet der Bundesrepublik, muss man wohl einschränkend sagen). Bei der vielstündigen Vorbereitung stellte sich die Materialfülle aber als so groß heraus, dass sie zunächst eine Einschränkung auf die „Südschiene Bayern, Baden-Württemberg, Hessen für nötig hielten, um sich aber am Ende nur auf unseren Südweststaat zu konzentrieren. Viel Vorarbeit ist damit schon geleistet, und wir dürfen für das kommende Jahr eine Fortsetzung dieser erfolgreichen Zusammenarbeit erwarten, die uns dann in andere Bundesländer, vielleicht auch die östlichen, führt.

Der Verfasser dieses Rückblicks muss diejenigen zwangsläufig enttäuschen, die an dieser Stelle eine detaillierte Aufzählung, gar Kommentierung aller 230 Fotos und der gefühlten 40 Bahnen erwarten, denn erstens verfügt er nicht über das Gedächtnis eines Pianisten, der ein ganzes Abendprogramm aus dem Kopf spielt, und zweitens würde der Versuch den Rahmen eines Rückblicks sprengen. Ich will immerhin versuchen, den Inhalt zu umreißen und einige besonders eindrückliche Elemente hervorzuheben. Jörg Zimmer führte in den Stoff mit einer historischen Eisenbahnkarte Baden-Württembergs ein, auf der alle bis heute stillgelegten Strecken rot markiert waren: Er wies darauf hin, dass es sich zumeist um kürzere Stichstrecken handelte. Diese meinte in erster Linie der Titel von den „(un-) vergessenen Bahnen“, wenngleich nicht auf sämtliche an diesem Nachmittag eingegangen werden konnte. Auch war der Vortragsumfang insofern etwas weiter gefasst, als wir auch einige vergangene Bahnszenen auf dem bestehenden Bahnnetz sahen, etwa einen E 17-geführten Schnellzug vor dem Nordportal des Feuerbacher Tunnels oder Dampfzüge auf der Rems-, Murr- und Neckarstrecke und in Hohenlohe.

Der Vortrag führte in einem spiralartigen Bogen von Stuttgart aus zunächst nach Nordosten, verweilte länger bei der ehemaligen Härtsfeldbahn, streifte das Hohenloher Land um Waldenburg und Künzelsau, erzählte die traurige Geschichte von der durch Unverstand zerstörten Jagsttalbahn Möckmühl – Dörzbach und widmete sich der 750-mm-Strecke Mosbach – Mudau, nicht ohne dem Schicksal von deren Dampf- und Diesellokomotiven nachzugehen. In Nord-Süd-Richtung setzte er sich im badischen Landesteil fort, wo zunächst das kleine Netz zwischen Wiesloch-Walldorf, Waldangelloch und Meckesheim ein Gegenstand war. Dann folgten als umfangreiche Komplexe die Region Pforzheim/Karlsruhe (Pforzheimer Straßenbahn und Überlandbahn, meterspurige Albtalbahn BLEAG/AVG, Karlsruher Lokalbahn) sowie die Mittelbadische Eisenbahn, hervorgegangen aus dem rechtsrheinischen Teilnetz der ehemaligen Straßburger Straßenbahn. Selbst der winzigen Verbindung Bühl – Oberbühlertal waren einige Fotos und Erinnerungen gewidmet. Im Raum Müllheim kamen die Überlandstraßenbahn nach Badenweiler sowie die Strecke zum Rheinübergang bei Neuenburg mit DB 485 ins Bild. Ganz im Süden waren die Bahn Zell – Todtnau und ihre bekanntlich später an anderen Stellen Deutschlands auftauchenden Fahrzeugen eine Betrachtung wert, auf der anderen Seite des Schwarzwaldkamms die zu Recht als wenig lebensfähig charakterisierten Strecken Kappel – Lenzkirch – Bonndorf und die Bregtalbahn Hüfingen – Furtwangen.

Wieder nach Württemberg zurückgekehrt, erinnerte der Referent u.a. an die Federseebahn, die elektrische LAG-Strecke Meckenbeuren – Tettnang, die Bahn Ravensburg – Weingarten und die Strecke Geislingen (Steige) – Wiesensteig. Mit der letzteren verband er Ausführungen zu der Geislinger Erzbahn und widmete sich dann nördlich und südlich von Göppingen den Strecken nach Schwäbisch Gmünd und Bad Boll. Zu Recht beklagte er den Verlust der „Gebirgsbahn“ mit ihren großartigen Ausblicken und Wandermöglichkeiten. Über den Raum Reutlingen mit der ehemaligen Zahnradbahn Honau – Lichtenstein und die Gönninger Linie erreichte unsere nostalgisch-historische Rundreise schließlich wieder die Region Stuttgart, wo die Bahn durch das Siebenmühlental nach Waldenbuch behandelt wurde. Unvergesslich sind dem Verfasser dieses Rückblicks die Erinnerungen Jörg Zimmers an den Bahnhof Kirchheim/Teck, wo er, mit der Familie evakuiert, als Kind gegen Kriegsende einen Tieffliegerangriff erlebte.

Erwähnt werden sollen schließlich auch die in den Vortrag eingebetteten Abschnitte zu Straßenbahnen, die verschwunden sind (Reutlingen, Pforzheim, Baden-Baden, Walldorf, Wiesloch, Neckargemünd, Basler Tram in Lörrach), teilweise sich in moderne Stadtbahnen verwandelt haben und in veränderter Form neu erstanden sind (u.a. im Albtal und in Karlsruhe, Freiburg, Heilbronn und Ulm). In diesem Zusammenhang erinnerte er die Teilnehmer daran, dass manche „Wiedergeburt“ vor Jahren noch als fantastisch gegolten hätte und dass wir auch heute nicht wüssten, was verkehrspolitische Einsichten und revolutionäre technische Entwicklungen auch auf dem Gebiet des schienengebundenen Stadtverkehrs wieder möglich machen könnte. Als bestes Beispiel nannte er die Tram in Strasbourg, die in wenigen Monaten auch wieder Kehl erreichen wird!

Langanhaltender, herzlicher Applaus und der Wunsch nach einer Fortsetzung dieser Art von lebendiger Vergegenwärtigung verabschiedete unseren Referenten.

Verkehrsfreunde Stuttgart e.V.

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